Impulskontrolle und die 12 Löffelchen

Gerade hast du dich noch über den schönen Spaziergang mit deinem Hund gefreut. Denn er hat kaum auf andere Hunde und Velofahrer reagiert von denen es es heute einige gab. Und nun das! Dein Hund steht bellend in der Leine weil auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein anderer Hund auftaucht.

Das ist nicht das erste Mal, dass es euch so ergeht. Und du hast bis heute kein Muster erkannt, weshalb dein Hund auf manche Hunde reagiert und auf andere nicht. Es ist weder der grosse schwarze Hund noch der besonders lebhafte.

Dann könnte es sein, dass ihn all die Begegnungen davor schon so viel Kraft gekostet haben, dass ihm diese für die nächste Begegnung fehlt und er seine Impulse nicht mehr kontrollieren kann.

IMPULSKONTROLLE

Impulskontrolle bedeutet, dass ein Lebewesen seine Emotionen und Handlungen bewusster kontrollieren kann und darum seltener oder weniger stark auf Auslöser reagiert.

Dazu gehört sowohl die eigene Selbstbeherrschung bei Reizen, aber auch das Beenden des aktuellen Verhaltens auf ein Signal wie dem Rückruf oder einen „Nein“. Das gilt nicht nur für Hunde sondern auch für uns. Denn auch ich habe Selbstkontrolle und -beherrschung bewiesen, wenn ich der halben Tafel Schokolade widerstanden habe.

IMPULSKONTROLL-ÜBUNGEN – SINNVOLL ODER NICHT

Wenn es um Impulskontrolle des eigenen Hundes geht, wird oft voller Stolz gezeigt, wie toll der eigene Hund vor dem Napf warten kann oder dass er die Leckerchen auf der Pfote erst auf das Freigabesignal hin frisst.

Aber leider bringen euch diesen Übungen nicht wirklich weiter. Denn sie tragen weder dazu bei, dass dein Hund bei Hundebegegnungen entspannter ist, noch dass er der Katze nicht mehr hinterher geht. Für Hunde hat das eine nämlich nichts mit dem Anderen zu tun. Für sie sind es Rituale und Verhalten, die sie genau für diese Situation gelernt haben.

Selbst wenn dein Hund eine Ewigkeit vor dem Napf sitzen kann, wird er sich nämlich noch lange nicht beim Anblick einer Katze zurücknehmen können. Damit er dies kann, musst du dieses Verhalten auch in der Nähe einer Katze trainieren. Und wenn dies auch noch bei einer wegrennenden Katzen gelingen soll, musst du dies mit deinem Hund auch in diesen Ablenkungssituationen üben.

Und so trägt ein gutes und kleinschrittiges Training an Auslösern dazu bei, dass der Hund weniger Kraft braucht, um diesen zu widerstehen und er dadurch deutlich seltener auslöst. Die Impulskontrolle selbst kann man durch gezieltes Üben weder stärken noch vermehren. Mehr dazu weiter unten.

FRUST UND STRESS IM TRAINING

Häufig führen die sogenannten Impulskontrolle-Übungen genau zum Gegenteil. Denn weil der Hund nicht versteht, weshalb er warten muss und weil er noch nicht lernen durfte, dass sich Warten lohnt, entsteht bei diesen Übungen häufig Frust und Stress – gut zu erkennen an den entsprechenden Stresssignalen. Das kostet den Hund einiges an Kraft und Energie. Beides fehlt dann im Alltag, um der nächste Hundebegegnung gelassen entgegen zu sehen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Hunde, die sich in vielen Situationen zurücknehmen müssen – egal, ob bei Reizen oder auf deine Signale – selbst wenn er dafür belohnt wird.

Die nachfolgende „Zwölf Löffeltheorie“ zeigt bildlich, dass diese Energie, die zur Impulskontrolle benötigt wird, auch beim Hund nicht unendlich ist.

DIE ZWÖLF LÖFFELTHEORIE

Die „Spoon-Theory“ stammt von der US-Amerikanerin Christine Miserandino.

2003 zeigte sie damit ihrer Freundin wie viel Kraft sie all ihre Krankheiten tagtäglich kosten. Für die bessere Visualisierung benutzte sie 12 Löffel. Diese standen sinnbildlich für die Energiemenge, die ihr jeden Tag theoretisch zur Verfügung steht.

Anschliessend bat Christine ihre Freundin ihr all ihre Aktivitäten eines normalen Tages aufzuzählen – begonnen beim Aufwachen bis Abends wenn sie wieder zu Bett geht. Während der Aufzählung ihrer Freundin, nahm Christine bei jeder Tätigkeit einen Löffel weg, wenn sie diese für sich selbst als kräftezehrend empfand. Als ihr nur noch einer als eiserne Reserve übrig blieb, stoppte sie ihre Freundin, welche da aber noch längst nicht am Tagesende angekommen war.

Später wurde diese Theorie als Sinnbild dafür übernommen, wie auch bei Hunden die Energie nach und nach schwindet. Und zwar umso schneller je schwieriger oder frustrierender der Alltag oder das Training für sie ist.

Denn auch ein Hund muss für jede belastende Situation eines bis mehrere seiner 12 Löffelchen abgeben

  • Dein aufgeregter Hund muss absitzen bevor er abgeleint wird -> Zack, ist ein halbes Löffelchen weg
  • Dein Hund hat Stress beim Geschirranziehen -> und verbraucht dabei gleich ein halbes Löffelchen
  • Er spielt lange und ausgelassen mit seinem Hundekumpel -> und schon ist das nächste weg
  • Sein Erzfeind biegt um die Ecke und er muss sich furchtbar aufregen -> da verliert er gleich 2
  • Du rufst deinen Hund auf dem Spaziergang immer wieder zurück -> irgendwann ist auch da ein Löffelchen weg
  • Das lange Warten beim TA war anstrengend, dazu all die Gerüche und fremden Hunde -> 2 Löffelchen weniger
  • Du möchtest ein „lustiges“ Video mit deinem Hund nachstellen. Dein Hund hat aber keinen Spass daran (wie übrigens viele Hunde in den Videos auch nicht) -> und schon sind wieder 2 Löffelchen weg. Eines davon bei dir

Selbst Schmerzen, grosse Freude und Stress fressen Löffelchen auf. Je höher die Emotionen dabei sind und je stärker die Schmerzen, desto mehr Löffelchen verliert ein Hund auf einen Schlag.

Teilst du die 12 Löffelchen daher nicht geschickt ein, so sind diese bei deinem Hund ebenfalls schon vor dem Abend zu Ende. Er reagiert dann wieder heftiger auf Reize und kann sich auch schlechter konzentrieren.

Manchmal stehen am Morgen nach einem anstrengenden Tag auch nicht wieder alle 12 Löffelchen zur Verfügung. Deshalb achte darauf, dass dein Hund nach so viel Anstrengung erst einmal zur Ruhe kommen kann und gehe auch die nächsten Tage ruhiger an.

Notiere doch einfach mal über ein paar Tage all die Situationen, bei denen dein Hund Löffelchen verbraucht. Und überleg dir anschliessend, ob sich manche nicht vermeiden lassen.
Und wenn du magst, schreib gleich auch noch eine Liste für dich.

Spare überall dort an Impulskontrolle, wo du sie nicht brauchst und es euch auch nichts für den Alltag bringt!

IMPULSKONTROLLE STÄRKEN – WIE MACH ICH DAS?

Nach heutigem Wissenstand lässt sich die Anzahl der Löffelchen nicht durch gezielte Impulskontroll-Übungen erhöhen und damit auch nicht die Energie für die Impulskontrolle. Im Gegenteil, diese Aufgaveb können im schlechtesten Fall auch noch Löffelchen verbrauchen.

Du kannst aber deinem Hund helfen, dass er im Alltag weniger verbraucht indem du ihm viel Zeit ohne anstrengende Beschäftigungen und Begegnungen gibst. Und wenn du mit ihm gleichzeitig gute, selbstwirksame Lösungsstrategien für den Alltag aufbaust, stärkst und erhöhst du seine Ressourcen für dessen Anforderungen. Denn jede gut und eigenständig gelöste Situation gibt Selbstvertrauen und Kraft für die nächsten. Auch ein möglichst stressfreier und vorhersehbarer Alltag trägt dazu bei, den Verbrauch an Löffelchen zu senken. Genauso wie deine Verlässlichkeit und ein faires, verständliches und durchdachtes Training, das auf seine Gefühle und Bedürfnisse Rücksicht nimmt.

Denn Letzteres lehrt den Hund kleinschrittig gute Alternativverhalten und belohnt ganz oft wünschenswerte Verhalten, die der Hund von sich aus zeigt. Wenn dein Hund so gelernt hat, dass er bei fremden Hunden auf Distanz gehen darf, regt ihn diese Begegnung nicht mehr auf. Und auch ein entspanntes Warten kann gelernt werden.

Hunde haben ein deutlich höheres Schlaf- und Ruhebedürfnis als wir. So gilt für einen gesunden Hund 17 bis 20 Stunden als normal. Für kranke, alte, junge und unsichere/gestresste Hunde dürfen es gerne 22 Stunden sein. Haben sie davon zu wenig, so haben sie an diesen Tagen auch weniger Energie für den Alltag

Das gilt übrigens auch für Hunde, deren Gesundheit angeschlagen ist. Deshalb ist der Weg zum TA und Physio/Osteo immer der erste, wenn der Hund plötzliche, für uns negative, Verhaltensveränderungen zeigt.

DIE FÄHIGKEIT ZUR IMPULSKONTROLLE

Die Fähigkeit zur Impulskontrolle ist auch nicht bei allen Hunden gleich. Da kommt es einmal auf die Tagesform an. Aber auch auf Alter, Rasse, generellen Stresslevel und Gesundheit.

So reagiert ein jüngerer Hund durch seine geringeren Lernerfahrungen deutlich impulsiver auf neue Reize. Und ein Hüte- oder Jagdhund wird in der Regel schneller auf Bewegungen anspringen als ein molossoider Hund. Auch wird ein gelassener und entspannter Hund leichter mit neuen Herausforderungen fertig als ein Hund, dessen Stresslevel generell schon höher ist.

Die Fähigkeit deines Hundes zur Impulskontrolle kann sich aber auch im Laufe eines Tages ändern. Denn je mehr Löffelchen er schon verbraucht hat, desto schwerer fällt es ihm mit den restlichen die nächsten Herausforderungen zu schaffen. Und so kann jeder weitere Reiz der letzte Tropfen sein, der das Glas zum Überlaufen bringt – siehe auch „Impulskontrolle und Frustrationstoleranz„.

Dein Hund kann nicht beeinflussen oder gar planen, wann die nächste Situation kommt, in der ein Löffelchen braucht. Das passiert einfach, Übrigens ist das bei uns nicht anders.
Deshalb: Wenn du merkst, dass die Löffelchen deines Hundes bald zu Ende gehen könnten, beende das, was ihr gerade tut und verhilf deinem Hund an einem ruhigen Ort zur Entspannung.

Auf eine schöne Möglichkeit, den Verbrauch der Löffelchen zu kontrrollieren, hat mich Sophie Freudenberg gebracht hat:
Lege jeden Tag 12 Murmeln (es dürfen auch Knöpfe sein) in deine rechte Jackentasche. Und nun nimm jedes Mal eine Murmel aus dieser Tasche und steck sie in die linke, wenn du merkst, dass es für deinen Hund gerade etwas schwierig war. Denke dabei auch an Trainingssituationen und deine eigenen Signale.

IMPULSKONTROLLE UND ENTSPANNUNG

Impulskontrolle hat auch ganz viel mit Entspannung zu tun. Denn je entspannter dein Hund im Training und Alltag ist, desto leichter fällt ihm die Selbstkontrolle. Das heisst aber auch, dass ein Hund, der voller Anspannung auf die Freigabe wartet, nicht wirklich sparsam mit den Löffelchen umgehen kann.

Bei der Übung im Video unterstütze ich Shadow dabei sich zu entspannen. Er kann sich zwar gut kontrollieren als ich den Keks seitlich von ihm werfe, eine gewisse Anspannung jedoch bleibt.

Natürlich könnte ich nun warten, bis er sich von selbst entspannt, bevor er sich den Keks holen darf. Dabei ist mir das Risiko aber zu gross, dass er erst einmal Stress und Frust entwickelt. Erst recht, weil wir diese Übung so das erste Mal machen.

Das wäre nicht nur kontraproduktiv für das was ich möchte, es würde erst noch dazu führen, dass das Warten mit diesen Emotionen verbunden wird.

Deshalb lege ich hier wie auch in anderen Trainings den Trainingsschwerpunkt auf Entspannung und unterstütze Shadow auf dem Weg dorthin. Und so sieht man im Verlaufe des Videos gut, wie seine körperliche Anspannung nachlässt. Dadurch schafft er es am Ende auch ohne zu zögern oder Meideverhalten zu zeigen, am Keks vorbei zu mir zu kommen – seine Löffelchen wurden nicht gross angegriffen.

STELLVERTRETER-ÜBUNGEN

Wie ich weiter oben geschrieben habe, musst du die Impulskontrolle an den Reizen üben, bei denen dein Hund sie später auch brauchen wird.

Du kannst es ihm jedoch leichter machen, indem dein Hund das erwünschte Verhalten erst einmal bei einfacheren Ablenkungen lernen darf und nicht gleich beim höchsten Schwierigkeitsgrad. Das macht es ihm dann später leichter, auf bereits gelernte Verhalten zurückzugreifen. Ich nenne dies Stellverter-Übungen. Stellvertreter deshalb, weil sie für den Reiz stehen, diese zu Beginn aber wenig attraktiv für den Hund sind. Im Laufe des Training werden sie den endgültigen Reizen jedoch immer ähnlicher.

Beim Erlernen von erwünschtem Verhalten bei Sichtung einer Katze könnte dies bedeuten, dass du mit wenig interessanten Keksen beginnst und deinen Hund dafür belohnst, dass er diese in aller Ruhe anschaut. Später werden die diese Kekse gerollt bzw. geworfen. Im nächsten Schritt kommen attraktivere Kekse ins Spiel. Auch hier erst liegend und danach bewegend. Der nächste Schwierigkeitsgrad wäre ein wenig interessantes Spieli bis es dann sein Lieblingsspielzeig ist.

Stopp: Bevor du mit dem Training beginnst musst du definieren, welches Verhalten du möchtest: Soll er die Katze später anschauen oder sich zu dir umdrehen oder gar zu dir kommen? Ist es ein Verhalten, das dein Hund noch nicht kennt, übe erst dieses bevor du eine Ablenkung/Reiz dazu nimmst.

Sobald dein Hund die schwierigen Stellvertreter locker schafft, kommt der Einsatz der Katze – auch hier erst einmal mit einer ruhig sitzenden Katze, zu der er angeleint und in ausreichender Distanz das erwünschte Verhalten zeigt. Und weil deinem Hund dieses dank der Stellvertreter-Übungen schon vertraut ist, wird er es schnell anbieten. Und irgendwann wird er es dann auch bei einer wegrennenden Katze können – für das du vielleicht sogar ein anderes Verhalten aufgebaut hast.
So lernt dein Hund ruhiges Verhalten bei sich bewegenden Reizen, ohne dass er sich dafür stark zurücknehmen muss.

Ähnlich sieht es bei Fressbarem unterwegs aus: Auch hier lernt der Hund erst einmal das erwünschte Verhalten an wenig Verlockendem und nach und nach steigerst du die Versuchung.

Stellvertreter-Übungen mit Shadow – die Anforderungen steigen

Impulskontrolle und Entspannung
bei fliegenden Keksen

Entspannung am Spieli
ist gleich noch einmal schwieriger

Diese Stellvertreter-Übungen helfen nicht nur, dass du die Trainingsschritte besser planen und die Trainingssituation gut kontrollieren kannst. Auch das Risiko, dass Stress- und Frustration aufkommt, ist gering. Dadurch fällt es deinem Hund deutlich leichter das erwünschte Verhalten zu lernen als wenn du bereits mit den Alltagsreizen beginnst. Und weil er dabei erst noch oft und hochwertig belohnen wird, fühlt sich das neue Verhalten so toll an, dass er auch in schwierigen Situationen gerne darauf zurück greift.

Wenn dazu deine Trainingsschritte gut geplant sind und dein Timing sowie die Belohnung selbst passend sind, gelingt euer Training garantiert.

Halte die Trainingseinheiten auch hier möglichst kurz und sorge dafür, dass dein Hund die gestellten Aufgaben erfolgreich lösen kann, so dass er keine Löffelchen verbraucht. Verzichte auch ganz auf den Einsatz von Allem, das sich unangenehm für deinen Hund anfühlt. Denn dieses würde nur Stress bei deinem Hund auslösen. Und Stress kostet wiederum Löffelchen.

© 2022 Monika Oberli – Teamschule.ch

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