Alles eine Frage der Dominanz

Dominanz – ein Verhalten das Hunden gern nachgesagt wird. Aber was ist dran, am dominanten Hund? Und bringt uns dieser Begriff tatsächlich etwas im Alltag und Training mit unseren Hunden?

MEIN HUND IST DOMINANT...

Was wird dem Hund unter dem Deckmantel der Dominanz nicht alles unterstellt:

  • Folgt er nicht, ist er dominant
  • Will er sein Spielzeug nicht ausgeben, ist er dominant
  • Will er als erstes durch die Türe, ist er dominant
  • Rempelt er seinen Besitzer an, ist er dominant
  • Wird der Hund beim Anblick eines anderen Hundes steif, ist er dominant
  • Vertreibt er andere Hunde immer wieder von ihren Plätzen, ist er dominant

Es ist ja so einfach und die Erziehungsratschläge schnell zur Hand. Der Hund muss nur lernen wo sein Platz ist und wer der Chef ist und schon sind alle Probleme gelöst. Schön wäre es, wenn es so einfach wäre. Denn dann müsste ich mir nicht überlegen, ob evt. in meinem Trainings oder bei meinen Erwartungen etwas ändern müsste. Aber

Aber bevor wir uns mit der Dominanz bei unseren Hunden beschäftigen, denn dass gibt es tatsächlich, wenn auch nicht so wie oft behauptet, erst einmal ein kleiner Exkurs zum Begriff selbst.

DOMINANZ – WEDER GUT NOCH BÖSE

Das Wort sagt erst einmal wertneutral, dass Jemand oder Etwas die augenblickliche Situation dominiert das heisst in ihr vorherrscht. Dabei tut er dies der Situation angemessen und ohne den anderen einzuschüchtern. Damit ist auch gleich gesagt, dass aggressives oder „unfolgsames“ Verhalten nichts mit Dominanz zu tun. Denn auch der Hund, der auf den Rückruf nicht kommt sondern noch rasch fertig schnüffelt, handelt nicht dominant sondern folgt gerade seinem eigenen Bedürfnis.

Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass es sich bei der „Dominanz“ dabei um einen Begriff aus der Wissenschaft handelt. Und nicht einmal dort ist die Definition eindeutig, da jedes Fachgebiet anders an diesen Begriff heran geht. So kann beim Wein ein bestimmter Duft dominieren oder beim Bild eine bestimmte Farbe.

Auch im Zusammenleben mit unseren Hunden und im Training bringt uns das Wort Dominanz nicht wirklich weiter. Im Gegenteil, durch eine sehr oft falsche Auslegung wurde den Hunden schon viel Unrecht angetan: 

Die Dominanztheorie ist wahrscheinlich die am häufigsten missverstandene, allgemein angewendete Verhaltenstheorie im Bereich des Hundeverhaltens. Sie wurde in der Vergangenheit entwickelt, um das Sozialverhalten von Hühnern zu erklären und vorherzusagen*. Dann wurde diese Theorie auf andere Tierarten ausgeweitet, einschliesslich eines nahen Verwandten des Hundes, dem Wolf.“ (James O’Heare – Die Dominanztheorie bei Hunden).
* Dies war 1922, jedoch bereits 1802 wurde die Rangordnung bei Hummeln beschrieben.

Diese damalige Umlegung auf den Hund führt bis heute dazu, dass das Wort „Dominanz“ wie ein Damoklesschwert über vielen Hundehaltern schwebt. Denn wer möchte schon einen Hund, der ihn dominiert und im schlimmsten Fall nicht mehr aufs Bett oder Sofa lässt. Daraus abgeleitet werden Erziehungstipps befolgt, welche zu einer ungerechten und sehr oft aversiven Behandlung und Erziehung führt, statt zu sehen, welches Bedürfnis oder welche Angst hinter dem Verhalten tatsächlich steckt.

Nur wenn wir objektiv prüfst, welches Bedürfnis hinter dem Verhalten deines Hundes steckt, kannst du deinem Hund mit  sinnvollen und fairen Trainingsansätzen helfen und ihn motivieren, sich auch gegen seine Bedürfnisse und für deine zu entscheiden. 

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Szene aus einer Spielsequenz

DEIN HUND IST NICHT DOMINANT

Denn auch wenn heute leider oft “ Ungehorsam“ und Aggressivität mit Dominanz gleichgesetzt wird, hat das eine absolut nichts mit dem anderen zu tun. Deshalb machen auch Erziehungsmodelle keinen Sinn, welche den vermeintlich „dominanten“ Hund an seinen Platz verweisen wollen. Im Gegenteil, sie verschlimmern das Ganze meist noch.

Oft müssen wir uns bei diesen Verhalten sogar selbst an der Nase nehmen. Meist haben wir es nämlich versäumt, unseren Hund das erwünschte Verhalten beizubringen. Oder wir bringen unseren Hund immer wieder in Situationen, die ihn überfordern, so dass er sich nicht mehr anders zu helfen weiss als sich zu wehren.

Deshalb, steh deinem Hund zur Seite und hilf ihm, indem du ihm erwünschtes Verhalten fair und achtsam beibringst. Und ihm gleichzeitig gute Bewältigungsstrategien für schwierige Situationen zeigst, auf die er später von sich aus zurückgreifen kann. Und du wirst sehen, wie schnell sich der vermeintlich dominante Hund in Luft auflöst. 

DOMINANZ  – VERHALTEN STATT CHARAKTER

Erst einmal: Dominanz unter Lebewesen ist keine feststehende Eigenschaft und noch weniger sagt sie etwas über deren Charakter aus. Der Begriff ist lediglich eine wissenschaftliche Definition, um das Verhalten zwischen zwei oder mehr Lebewesen in der augenblicklichen Situation und in Langzeitbeziehungen zu beschreiben.

Verhaltensebene: Somit gehören zu einer Dominanzbeziehung immer mindestens zwei: Einer der dominiert und der andere, der sich dominieren lässt. (G. Bloch, E. H. Radinger – Wölfisch für Hundehalter)

Beziehungsebene: „Tiere, die regelmässig mit denselben Artgenossen um Ressourcen (soziale Zuwendung, Futter, Liegeplätze, Sexualpartner etc.) konkurrieren, können untereinander Dominanzbeziehungen ausbilden. Soziale Dominanz ist EIN Aspekt einer sozialen innerartlichen Beziehung!“ (Dr. Ute Blaschke-Berthold).

Spricht man von Dominanz, muss man daher auch immer zwischen einer situativen, das heisst aktuell ausgeübten, sowie der sozialen, auf Langzeitbeziehungen ausgerichteten Dominanz, unterscheiden.

Ein weiteres Missverständnis des Dominanzkonzepts beruht darauf, dass Dominanzbeziehungen oftmals auf zwei unterschiedlichen Ebenen angetroffen werden: Da gibt es zum einen die formale Langzeitdominanz, oft auch als soziale Dominanz bezeichnet (Udo Ganslosser, Sophie Strodtbeck) … sowie die situative Dominanz.

Eines aber gilt für Beide: Derjenige, welcher dominiert, setzt in dem Moment seine Interessen gegenüber einem anderen durch. Dies gerade in der Langzeitdominanz in der Regel gewaltfrei und vom Anderen akzeptiert.

Auch ist längst erwiesen, dass in Hunderudeln im Gegensatz zu Primatengruppen, keine hierarchischen Strukturen gelebt werden. Vielmehr sind diese in Familienstrukturen organisiert, in denen die Elterntiere die wichtigsten Entscheidungen treffen.

SO KAM ES ZUM BILD DES DOMINANTEN HUNDES

…der sich und seine Bedürfnisse aggressiv durchsetzt und andere beherrscht:

Als die Freilandforschung noch in den Kinderschuhen steckte, wurde das Wolfsverhalten vornehmlich an in Gefangenschaft lebenden Wölfe beobachtet und beschrieben. In der Regel handelte es sich dabei um wild zusammengewürfelte Gruppen, in denen keine oder kaum verwandtschaftliche Beziehungen bestanden. Zudem liessen ihnen die kleinen Gehege wenig Raum für Individualdistanzen und Privatsphäre. Kein Wunder, dass es deshalb oft zu Streitereien und Kämpfen unter den Tieren kam und sie versuchten, für sich die besten Liegeplätze und Futterstücke zu ergattern.

Als nahem Verwandten des Wolfes wurde dieses Bild auf den Hund projiziert. Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass dies zu einer Zeit geschah als auch das Weltbild der Menschen noch anders aussah. Als der Mann noch das absolute Familienoberhaupt war, dessen Entscheidungen sich alle zu fügen hatten und die Kinder durch Zucht und Ordnung erzogen wurden.

Und auch bei den Hunden sah es nicht anders aus. Eines der ersten Bücher, welches sich mit der artgerechten Ausbildung von Hunden beschäftigte (vornehmlich dem deutschen Schäferhund), war das 1984 erschienene Buch der Mönche von New Skete. Auch dieses, noch vom Gedankengut des nach Macht strebenden Hundes geprägt, beeinflusste lange Zeit die Ausbildung und Unterordnung auf den Hundeplätzen und wirkt sich noch bis heute aus.

Spätere Forschungen an in Freiheit lebenden Wölfen sowie an gefangenen Wölfen, die unter idealeren Bedingungen gehalten werden, zeigten jedoch ein ganz anderes Bild. Man sah auf einmal viel mehr soziopositives und altruistisches (uneigennütziges) denn aggressives Verhalten. Und innerhalb von Familienverbänden kam auch noch der fürsorgliche Part der Elterntiere und Geschwister hinzu. Denn biologisch macht es wenig Sinn, sein eigen Blut hungern zu lassen oder zu verletzen.

Auch wenn dies alles schon lange bekannt und in unzähligen Dokumenten publiziert ist, konnte das Bild des dominanten, sich aggressiv durchsetzenden Hundes bis heute nicht ausgemerzt werden.

Zu tief sitzt teilweise noch die Angst, der Hund könnte sonst seinen Menschen dominieren bzw. sie wird bewusst geschürt. Denn leider gibt es auch immer noch Jene, welche dieses Bild bewusst aufrecht erhalten. Damit rechtfertigen sie ihr eigenes Training, welches teils mit sehr viel Aggressivität und Druck einhergeht, um dadurch den Hund in seinem Rang auf der untersten Stufe zu halten. Selbst wenn sie wissen, dass diese Begründung auf tönernen Füssen steht.

Deshalb lasst es uns mit diesem neuen Wissen besser machen und unsere Hunde endlich so behandeln wie sie es verdienen: Fair, achtsam und als fühlende und denkende Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen, die den unseren sehr ähnlich sind.

MEIN HUND IST STARK

Solltest du wirklich einen mental starken Hund an deiner Seite haben, ist es dann richtig, ihm diese Stärke mittels Druck und Zwang austreiben zu wollen?

Ich sage nein. Denn als Mensch sollte ich doch in der Lage sein, einen Hund durch Übernahme von Verantwortung, viel gemeinsamer Wohlfühlzeiten und einem gut durchdachten Training zur Kooperation mit mir zu motivieren, ohne dass ich ihn und seinen Charakter verändern muss.

Ich selbst habe einen Hund, dem es von wvon Anfang an wichtig war, zu verstehen, weshalb er etwas tun soll und der gerne eigene Lösungswege suchen wollte. Hätte ich ihn über positive Strafmassnahmen „dominieren“ wollen (wozu auch schon körpersprachliches Bedrohen und Leineneinwirkungen gehören), dann hätte er nur zwei Möglichkeiten gehabt

  • aufzugeben und damit seine Ausstrahlung, seine Fröhlichkeit und Übermut zu verlieren
  • oder seine angestaute Frustration irgendwie abzubauen. Sei es durch aggressives Verhalten, erhöhte Reizanfälligkeit, Jagen, Krankheiten oder Stereotypien

Zeigt mein Hund hingegen für mich oder das Umfeld unerwünschte Verhaltensweisen wie ich einige als Beispiel eingangs beschrieben habe, liegt es an mir, ihm durch ein positives Training zu zeigen, was von ihm in diesen Situationen erwünscht ist.

RECHTE DEINES HUNDES

Ein Hund hat aber auch das Recht darauf, dass seine eigenen Bedürfnisse beachtet und soweit als möglich erfüllt werden. Und er darf auch NEIN zu Dingen und Handlungen sagen! Auch muss er innerhalb von vorgegebenen Leitplanken die Möglichkeit haben, eigene Entscheidungen zu treffen.

Schliesslich ist er ein denkendes und fühlendes Lebewesen und kein Befehlsempfänger, der nur das zu tun und lassen hat, was sein Mensch möchte. Wer das sucht, schafft sich besser einen Roboterhund an.

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© 2016 (überarbeitet 2021) – Teamschule – Monika Oberli

5 Gedanken zu “Alles eine Frage der Dominanz

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