Der Schnauzgriff – für widerspenstige Hunde


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Bestimmt ist dir dieser Begriff in deinem Hundealltag auch schon begegnet. Sei es in Büchern, auf dem Spaziergang oder in der Hundeschule. Oft noch verbunden mit genauer Anleitung wie man dem Hund über die Schnauze fassen und die Lefzen gegen die Zähne drücken soll, damit es der Hund auch wirklich spürt und quiekt. Denn so wie die Mutterhündin den Schnauzgriff bei ihren Welpen anwendet, wenn diese überborden, können auch wir unseren Welpen korrigieren, wenn er am Hosenbein hängt, heisst es dann. Oder er soll zur Korrektur des erwachsenen Hundes dienen, der bellend in der Leine hängt und sich nicht anders unterbrechen lässt. Mit der Begründung, dass auch erwachsene Hunde den Schnauzgriff nutzen, um ihr Gegenüber zu stoppen.

Im Prinzip gar nicht so falsch…
Aber schauen wir uns doch mal genau an, wann und vor allem wie der Schnauzgriff unter Hunden angewandt wird.

DER SCHNAUZGRIFF

In diesem Video sehen wir, wie geduldig eine entspannte Mutterhündin mit ihren Welpen umgeht und wie sanft sie den Schnauzgriff einsetzt. Und ja, trotzdem könnte es sein, dass ein Welpe mal quiekt. Aber nicht weil die Hündin so fest zufasst, sondern weil er erschrocken ist
(Schnauzgriff bei 1:23 / 1:39 / 1:42 / 3:07 / 3:38 / 3:42 / 4:02)

Und sehr schön ist auch zu beobachten, wie die Welpen danach (bis auf wenige Ausnahmen) bei ihr bleiben und auch nicht vor der Schnauze zurückweichen als  sich diese das nächste Mal nähert.

Und wer jetzt denkt das sei so, weil die Welpen ja doch noch recht jung sind, der sieht in diesem Video, dass die Anwendung auch bei älteren Welpen nicht anders ist (hier mit Tante Mooni beim Spiel und Erziehen der Welpen)
(Schnauzgriff bei 1:30 / 1:41 / 2:00 / 2:34 / 2:51 / 2:56 / 3:12 / 3:19 / 4:15 )

Wäre es anders, wie viel Stress würde dies für die Welpen bedeuten, wenn sie immer wieder unsanft und schmerzhaft, in ihrem Erkundungsverhalten unterbrochen würden? Und nicht zu unterschätzen wäre auch der Lernprozess für den späteren Umgang mit anderen Lebewesen.

Vielen Dank Christine Streubel von der Miniature American Shepherd Zucht „MCMontanas ehemals Peppermonti“ für das zur Verfügung stellen dieser tollen Videos 🙂

Auch unter erwachsenen Hunden sieht man manchmal noch den Schnauzgriff. Aber auch da ist es eher ein sanftes Festhalten, denn ein wirkliches Zufassen. Auf dem Video ist mein älterer Rüde Jason zu sehen, der hier den Schnauzgriff bei Shadow anwendet. Sowohl in dieser als auch in anderen Situationen hat er nie zugedrückt. Denn auch hier reicht dieses leichte Festhalten, um ein Stopp zu setzen.
Ist der Griff schneller und heftiger, hat ihm der andere Hund entweder weh getan oder der Erregungs-und Stresslevel ist schon vorher deutlich angestiegen und die Hunde sind nicht mehr in der Lage feiner zu interagieren. Aber auch dann ist es in der Regel ein schnelles über den Fang fassen, ohne fest zuzudrücken.

DER SCHNAUZGRIFF IST KEINE MASSREGELUNG
In all diesen Situationen wurde das Über-den-Fang-Greifen dazu verwendet, den Welpen/anderen Hund in seinem Überschwang sanft auszubremsen und nicht weil er gebellt oder etwas ins Maul genommen hat. Somit ist auch klar, dass der Schnauzgriff unter Hunden keine Korrektur ist.

Auch ist der Schnauzgriff immer seltener zu sehen, je älter die Hunde werden. Sophie Strodtbeck sagt dazu in einem Interview: „In mehreren statistisch ausgewerteten Untersuchungen an Haushunden, afrikanischen Wildhunden und Wölfen kam der allseits so beliebte „Schnauzgriff“ als Abbruchsignal so selten vor, dass er bei der statistischen Berechnung regelrecht durchs Raster fiel.“

Schnauzenzärtlichkeiten und sanftes, spielerisches Maulrangeln sind jedoch auch unter erwachsenen Hunden als Teil ihres sozialen und freundschaftlichen Umgangs zu beobachten.

HUNDE MACHEN DAS SO
Die Videos zeigen, wie viel sanfter und toleranter Hunde miteinander umgehen als ihnen gemäss mancher Trainingsphilosophie attestiert wird.

Deshalb ist dieses „Wir machen es wie die Hunde“ auch hier eine Aussage, die zwar toll klingt, aber wie viele andere nur die halbe Wahrheit ist. Erst recht, wenn man bedenkt wie viele feine Signale die Hunde mit ihrer Mimik aussenden können, zu denen wir gar nicht in der Lage sind – denn wir sprechen nicht hündisch!

Und wenn man sieht, wie duldsam die Mutterhündin aber auch die Tante mit den Welpen umgehen, weshalb sollen wir anders handeln? Erst recht wenn wir bedenken, dass die Welpen von einem Tag auf den anderen von ihren Geschwistern und Spielgefährten getrennt wurden und nun auf einmal Dinge nicht mehr tun sollen, die vorher noch ganz selbstverständlich waren wie: Raufen mit den Geschwistern, an Beinen und Ohren ziehen, Spielsachen in seine Bestandteile zerlegen oder auch einfach jederzeit Körperkontakt zu bekommen, wenn man müde ist.

Deshalb gib auch du deinem kleinen Welpen einen passenden Ersatz für all dies. Gib ihm aber auch Nähe und Kuschelmöglichkeiten wenn ER es braucht. Und sei geduldig, wenn er sich noch nicht so verhalten kann, wie ein erwachsener Hund, der das Zusammenleben mit dir und deine Regeln bereits kennenlernen durfte und den auch du besser kennst.

Und als Mensch haben wir doch viel mehr Möglichkeiten unsere Hunde zu erziehen und müssen nicht auf schmerzhafte Schnauzgriffe zurückgreifen.  

© 2021 – Teamschule – Monika Oberli

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