Verstehst du die operante Konditionierung, verstehst du auch wie Konsequenzen das Lernen beeinflussen. Aber noch mehr wie sich dein Hund je nach Konsequenz im Alltag und Training fühlt. So kannst du deinen Hund vor unfairen und überfordernden Trainingsmethoden schützen. Egal ob sie auf dem Hundeplatz oder im TV gelehrt werden.
Im Gegensatz zur klassischen Konditionierung* sorgt die operante Konditionierung dafür, dass ein Verhalten bewusst gelernt und später auch genauso bewusst ausgeführt wird.
Bei der klassischen Konditionierung folgt ein Verhalten praktisch reflexartig auf einen Reiz oder ein Signal (sofern gut aufgebaut).
.
Klassische Konditionierung
Sobald ein Luftzug auf das Auge trifft, schliesst sich dieses automatisch.
Sobald du die Leine in die Hand nimmst, läuft dein Hund zur Tür
.
.
Operante Konditionierung
Du lernst die Muskeln deines Auges so zu bewegen, dass du Jemandem zublinzeln kannst
Sobald du die Leine in die Hand nimmst, setzt sich dein Hund zum Anleinen an
.
Damit dieses Lernen gelingt, muss einem Verhalten eine Konsequenz folgen. Eine Konsequenz, die sich entweder gut oder unangenehm anfühlt. Auch wenn es im Alltag und im Hundetraining diverse Begriffe dafür gibt, werden diese in der operanten Konditionierung per Definition „Belohnung und Strafen“ genannt. Du kennst diese aber vielleicht auch unter den Bezeichnungen: Verstärkung bzw. Korrektur/Einwirkung oder englisch: reinforcement und punishment (R+/- und P +/-).
Verstärker/Belohnungen sollen den Hund dazu motivieren, das erwünschte Verhalten häufiger und gerne zu zeigen – daher folgen hier für den Hund angenehme Konsequenzen wie Kekse, die Erlaubnis etwas tun zu dürfen…
Korrekturen/Strafen sollen dazu führen, dass der Hund das unerwünschte Verhalten seltener zeigt oder gar ganz unterlässt – deshalb folgen hier für den Hund unangenehme Konsequenzen wie Blocken, Erschrecken…
Würden wir nun Maschinen oder Computer „trainieren“, so wäre damit Alles gesagt. Da es hier aber um unsere Hunde geht, dürfen wir nicht die Augen davor verschliessen, was wir dabei bei unseren Hunden bewirken und welche Emotionen wir damit auslösen. Und stell dir auch immer die Frage, würdest du so mit deinem Partner oder besten Freundin umgehen?
Wobei wir uns bewusst sein müssen, dass ein Trainieren innerhalb nur eines Quadranten weder möglich noch sinnvoll ist. Viele Trainer und Hundehalter verzichten jedoch bewusst auf den Quadranten der positiven Strafe – im Bewusstsein, dass sie im Alltag nie ganz verhindern können, dass der Hund etwas als Unangenehm empfindet, selbst wenn sie noch so aufmerksam sind.
DIE 4 QUADRANTEN DER OPERANTEN KONDITIONIERUNG
Damit wir Alle vom gleichen sprechen, hier noch etwas Theorie zu den 4 Quadranten und deren Auswirkungen auf ein Verhalten (diese gelten übrigens auch für uns Menschen).
.
POSITIVE BELOHNUNG
Etwas Angenehmes / Tolles wird
hinzugefügt (+)
- Leckerchen
- Lob
- Spiel / Lieblingsübung
- Streicheln/körperliche Nähe, wenn erwünscht
- Dein Hund darf etwas Gewünschtes tun
- Dein Hund bekommt Aufmerksamkeit
- Für ein erwünschtes Verhalten
- Für ein unerwünschtes Verhalten
Gefühle:
Freude, Spass, Zufriedenheit, „ich bin toll“…
POSITIVE STRAFE
Etwas Unangenehmes / Angstmachendes wird hinzugefügt (+)
- Leinenruck
- Unerwünschtes Streicheln/Anfassen
- Bedrohendes Blockieren
- Wegschicken
- Wasserflaschen / Rappeldose
- Anstubsen
- An den Wangen packen
- …
Gefühle:
Stress, Angst, Schmerz, Unwohlsein…
.
.
NEGATIVE BELOHNUNG
Etwas Unangenehmes / Angstmachendes verschwindet (-)
- Das Angstmachende entfernt sich (+)
- Das Angstmachende wird entfernt (+)
- Der Druck auf Po wird gelöst, sobald der Hund sich setzt (-)
- Hund darf eine unangenehmen Situation verlassen (+)
- Der Dorn wird entfernt – Schmerz ist weg (+)
Gefühl:
Erleichterung, Freude…
NEGATIVE STRAFE
Etwas Angenehmes wird weggenommen / vorenthalten (-)
- Der Hund bekommt eine andere Belohnung als erhofft
- Der Hund bekommt keine Belohnung für ein neu zu lernendes Verhalten
- Der Keks/das Spieli wird entfernt
- Der Hundefreund entfernt sich
- Der Hund wird ignoriert
Gefühle:
Frustration, Enttäuschung, Wut…
.
Wir sehen, dass auf der grünen Seite durch die Konsequenz nach einem Verhalten viele gute Gefühle aufkommen, während auf der roten Seite Angst, Stress und Frustration vorherrschen.
Haben unsere Hunde nicht verdient, dass sich ihr Training und Alltag gut anfühlt?
Erst recht wenn wir wissen, dass die Hunde die mit guten Gefühlen verbundenen Verhalten später auch gerne und freudig zeigen werden.
Während die über Hemmung und Strafe gelernten Signale/Verhalten auch in Zukunft immer an diese negativen Emotionen erinnern werden.
NEGATIVE BELOHNUNG – POSITIVE STRAFE – WIE SOLL DAS GEHEN?
Belohnungen sind doch per se gut und Strafen unschön. In unserem Alltag machen diese zwei Verbindungen tatsächlich keinen Sinn. Denn hier bewerten wir positiv und negativ aufgrund unserer Emotionen, die wir damit verbinden.
Betrachten wir diese Begriffe jedoch aus Sicht der Lerntheorie so sind diese rein wissenschaftlich zu verstehen und beinhalten weder eine wertende noch eine emotionale Komponente.
Und so werden diese Begriffe im Rahmen der Lerntheorie dann auch rein mathematisch verwendet: Positiv fügt etwas hinzu / negativ nimmt etwas weg. Verständlicher wäre es sicherlich, wenn man stattdessen „Plus und Minus“ verwendet hätte. Aber in der Lerntheorie hat man sich nun mal auf diese Begriffe geeinigt.
Deshalb hier eine kleine Hilfe zum besseren Verständnis:
Das Hinzufügen von
einem Leckerchen fühlt sich gut an und wirkt belohnend
.
Ausschimpfen ist unangenehm und wirkt strafend
Das Wegnehmen von
einer Spinne fühlt sich gut an und wirkt erleichternd
.
eines Spielis fühlt sich schlecht an und wirkt frustrierend
Das Hinzufügen von etwas Angenehmen führt dazu, dass der Hund das Verhalten für das er belohnt wurde, von sich aus ausführen möchte und sich auch gerne in der Nähe des Belohnenden aufhält.
Gleichzeitig erfährt der Hund, dass sich sein Verhalten, wie zum Beispiel einen Bogen laufen, gut anfühlt. So fühlt sich dieses Verhalten selbst als belohnend an und er ist nicht mehr auf eine externe Belohnung angewiesen. Gleichzeitig verlieren die Begegnungen ihren Schrecken.
Das Hinzufügen von etwas Unangenehmen führt dazu, dass der Hund ein Verhalten vielleicht nicht mehr zeigt. Sehr oft geht er aber auch ins Meideverhalten, zeigt Stress- und Konfliktsignale. Im schlimmsten Fall meidet er die Nähe des Menschen, weil er diesen mit etwas Unangenehmen verbindet. Gleichzeitig erhält er keinerlei Information, was sein Mensch denn eigentlich von ihm möchte.
Das wiederum führt zu Frust und Stress. Und mit grosser Wahrscheinlichkeit verbindet er diese unguten Gefühle gar mit der Situation, so dass sich Hundebegegnungen noch unangenehmer anfühlen.
POSITIVE UND NEGATIVE BELOHNUNGEN/VERSTÄRKER SIND JEDOCH NICHT GLEICHWERTIG
Während die richtig gewählte und angewandte positive Belohnung immer gute Gefühle auslöst, ist die negative Verstärkung ein zweischneidiges Schwert. Damit diese zur Erleichterung führen kann, muss davor immer etwas Unangenehmes anwesend sein: Ich muss erst Kopfschmerzen haben, damit wir die entsprechende Tablette Erleichterung verschafft.
Und das gleiche gilt für unsere Hunde. Denn auch da muss etwas Unangenehmes da sein, das entfernt werden kann wie
- Schmerzen
- Dinge die Angst machen
- Druck (physisch und/oder psychisch)
- Körperliche oder mentale Einschüchterung
- vermeintliche oder echte Bedrohung (fremder Hund/Mensch…)
- ….
Dadurch sind vor der Erleichterung auch immer die damit verbundenen unangenehmen Gefühle akut vorhanden und werden erst durch das Entfernen oder die Distanz zum Auslösers beseitigt.
Natürlich können wir das Auftauchen von Unangenehmen im Alltag nicht immer verhindern. Dann ist es gut, dass wir auf die negative Verstärkung zurückgreifen können. Damit können wir den Hund in der Situation unterstützen und ihm gleichzeitig Lösungswege aufzeigen.
Unfair wird die negative Verstärkung hingegen jedoch, wenn wir im Training und Alltag unseren Hund bewusst oder so lange unangenehmen Dingen aussetzen, bis er sich richtig verhält und erst dann das Unangenehme entfernen.
Zur Veranschaulichung hier einige Beispiele:
| UNANGENEHMES EREIGNIS | REAKTION DEINES HUNDES | KONSEQUENZ BZW. DEIN VERHALTEN | DARAUS ERLERNTES VERHALTEN |
| Guter und fairer Einsatz | |||
| Ein Dorn steckt in der Pfote deines Hundes | Dein Hund gibt dir die Pfote | Du entfernst den Dorn und der Schmerz hört auf | Ich geh zu meinem Menschen und bekomme Hilfe. |
| Pferde auf der Koppel | Dein Hund fühlt sich unwohl | Du läufst einen Bogen mit deinem Hund | Auf Distanz gehen, wenn etwas Angst macht |
| Ein fremder Hund taucht auf | Dein Hund spannt sich an | Du weichst auf die Wiese aus wo dein Hund den anderen in aller Ruhe anschauen oder in der Wiese schnüffeln kann. | Distanz fühlt sich besser an als andere zu vertreiben Noch effektiver, wenn du in der Wohlfühldistanz Kekse ausstreust (positive Verstärkung) |
Unfairer Einsatz | |||
| Du sagst SITZ und drückst mit der Hand auf den Po deines Hundes | Dein Hund setzt sich hin | Du nimmst die Hand weg und der Druck hört auf | Das Signal SITZ fühlt sich unangenehm an und ich kann dem Druck nur entgehen, wenn ich mich vorher hinsetze |
| Du machst einen Schritt auf deinen Hund zu | Dein Hund setzt sich hin | Du gehst wieder einen Schritt zurück, der Druck endet | Wie oben. Das Signal fühlt sich deshalb auch hier nicht besser an |
Nicht immer können wir Unangenehmes ganz vermeiden. Aber wir können verhindern, dass wir selber oder unser Verhalten die Ursache für das Unangenehme sind.
Und für alles Andere können wir so gut wie mögliche Management betreiben bis der Hund gute Alternativverhalten gelernt hat, welche sowohl Problemlöser als auch Verstärker für den Hund sind wie:
- auf Distanz zum Auslöser gehen
- Hilfe beim Besitzer suchen
- am Boden schnüffeln
Selbst Signale, die deinen Hund entspannen oder mit denen du deinen Hund aus der belastenden Situation holen kannst, sind sehr wertvoll.
Daher, erziehe und bilde deinen Hund so aus, dass du dich so oft wie möglich, aus der Werkzeugkiste der positiven Verstärkung bedienen kannst. Dein Hund wird es dir durch eine vertrauensvolle und stressfreie Beziehung danken.
ABER AUCH BEI DEN ANDEREN QUADRANTEN LÄUFT ES NICHT IMMER WIE GEPLANT
Denn wenn du deinen Hund ganz oft zurückrufst und für sein Kommen toll belohnst, passiert es vielleicht, dass dein Hund extra wegläuft, damit er sich eine Belohnung verdienen kann.
Das muss nicht immer schlecht sein. Jason hat zum Beispiel in jungen Jahren das Hetzen von Vögeln geliebt. Er hat es nicht bewusst gesucht, aber wenn er die Chance dazu bekam, nutzte er sie auch. Durch ein entsprechendes Training habe ich es geschafft, dass ich ihn auch während des Hetzens noch abrufen konnte.
Eines Tages lief er jedoch los und ich spürte, dass etwas Anders war. Und tatsächlich drehte er sich auf halber Strecke um und schaute mich an, fast als wollte er sagen, weshalb rufst du jetzt nicht. Ab dem Zeitpunkt war für ihn die Zusammenarbeit mit mir fast immer wichtiger als das Hetzen selber und ich konnte Beginnen, das Abwenden zu verstärken. Denn nun hatte sein Verstand an Gewicht gegenüber den Emotionen gewonnen.
Und natürlich geht es auch umgekehrt. Du willst ein unerwünschtes Verhalten durch Strafe reduzieren, hemmst dabei aber gleichzeitig und oft auch unbewusst erwünschtes.
DAS VERHALTEN VERÄNDERT SICH NICHT
Wenn sich ein Verhalten nicht in die gewünschte Richtung verändert, ist es vielleicht weil
- dein Hund das Verhalten nicht oder noch nicht zu leisten vermag
- dein Hund Schmerzen hat
- du deinen Hund unbewusst für das unerwünschte Verhalten belohnt hast
- du deinen Hund unbewusst für das erwünschte Verhalten bestraft hast
- du die Belohnung nicht passend zur Situation und Leistung gewählt hast
- dein Trainingsweg nicht der richtige für deinen Hund ist
Deshalb arbeiten auch alle achtsam und fair trainierenden Hundehalter und Trainer mit so viel Verstärkung wie möglich, so wenig negativer Strafe wie nötig und verzichten auf jegliche Form von positiver Strafe.
Dass die gleichen Mechanismen auch beim Menschen wirken, zeigt das nachfolgende Video „Konditionieren anhand von The big bang theory„
Weitere Artikel zu diesem Thema
Weitere Informationen über Belohnungen und Strafen findest du unter den aufgeführten Links:
- Belohnungen im Hundetraining
- Strafen im Hundetraining
- Die Belohnungshierarchie deines Hundes
- Was es mit dem Ignorieren auf sich hat
© 2016 – Teamschule – Monika Oberli
(Letzte Überarbeitung: Mai 2025)











I find the explanation of operant conditioning and its application to dog training very insightful.
LikeLike
Thank you very much for your appreciative feedback
LikeLike
Pingback: Wenn Gegenüberstellungen konstruiert werden | TeamSchule für Mensch und Hund
Pingback: Verstärken oder Hemmen | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Sie kommunizieren wie Hunde | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Ich korrigiere nur! | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Die klassische Konditionierung | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Ich korrigiere nur! | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Strafen im Hundetraining | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Was es mit dem Ignorieren auf sich hat | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Die klassische Konditionierung – dein Freund und Helfer | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Hochspringen beim Begrüssen | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Lerntheorie/ Lernverhalten – Der "Hundeflüsterer" – pro und contra
Pingback: Thematisch sortierte Artikel – Linksammlung – GEGEN Cesar Millan den "Hundeflüsterer"
Pingback: Die klassische Konditionierung | TeamSchule - Mensch und Hund
Pingback: Lerntheorie – Belohnungen und Strafen | TeamSchule - Mensch und Hund