Ich beginne mit Kastration der Hündin, da hier noch viele Mythen kursieren, die zu unnötigen und teils zu frühen Kastrationen führen. Aber auch bei den Rüden gilt es einige Punkte zu beachten, weshalb diese im Anschluss folgen.
Im Internet finden sich unzählige Artikel zur Kastration einer Hündin. Und in sehr vielen steht geschrieben, dass das Risiko für nicht oder spät kastrierte Hündinnen an einem Mammatumor zu erkranken sehr hoch sei. Ein Mammatumor ist ein Tumor in der Gesäugeleiste).
Rettung bringe deshalb einzig und alleine die Kastration und je früher dies geschehe, desto besser. Denn für eine Hündin, die noch vor der 1. Läufigkeit kastriert werde, sei das Risiko verschwindet klein. Die Wahrscheinlichkeit spricht von 0,5%.
Wartet man länger zu, würde das Risiko immer grösser und am Ende jede 4. der spät und 100% der nicht kastrierten Hündinnen, daran erkranken würde. Damit ist doch eigentlich alles klar!
WESHALB DIESE ZAHLEN WENIG ÜBER DAS TATSÄCHLICHE RISIKO AUSSAGEN
Bei diesen Zahlen wurde nur die Risikogruppe berücksichtigt, also nur jene Hündinnen welche überhaupt je an einem Mammatumor erkranken könnten. Und das ist ein verschwindend kleiner Teil. Hätte man nämlich die gesamte Hündinnenpopulation als Basis genommen, wäre das Ergebnis wesentlich unspektakulärer:

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Das heisst lediglich 2 von 100 würden erkranken und somit 98 grundlos kastriert.
Das Ganze ist im nebenstehenden Video noch etwas ausführlicher dargestellt.
Auch sonst fehlen einige wesentliche Informationen. Eine davon ist, dass diese Zahlen aus einer Studie aus dem Jahr 1969 stammt.
Das alleine muss noch nichts bedeuten. Aber bereits 2007 hat Frau Dr. Gabriele Niepel in ihrem Buch „Kastration beim Hund – Chancen und Risiken *“ darauf hingewiesen, dass diese Zahlen nur das relative Risiko aufzeigen (* basierend auf der Bielefelder Kastrationsstudie von Dr. Gabriele Niepel aus dem Jahre 2003). Daraus resultierend:
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Hündin an einem Mammatumor erkrankt, liegt bei 0,2 bis 2%. Somit könnten von 100 Hündinnen 0.2 bis 2 einen Tumor entwickeln. Oder anders gesagt, 98 Hündinnen würden grundlos kastriert. Zudem treten die Gesäugetumore in der Regel erst in einem höheren Alter auf, das auch nicht alle Hündinnen erreichen.
Johanne Bernick schreibt im Block von Tierarzt Dr. Rückert inzwischen von einer 3.5% prozentiger Wahrscheinlichkeit. Aber auch das ist immer noch deutlich geringer als die 25%, die man heute leider immer noch als Argument für eine Kastration liest.
Zudem wer auf diese Zahlen als Argumentation für eine Kastration verweist, sagt selten dazu, dass die Kastration selbst ebenfalls negative Auswirkungen haben kann, die oft sogar noch gravierender sind.
DANN LASS ICH MEINE HÜNDIN DOCH SICHERHEITSHALBER LIEBER KASTRIEREN
Diese Überlegung ist für sich alleine genommen absolut richtig. Denn damit senkst du das Risiko deiner Hündin praktisch auf 0%.
Aber leider ist es nicht ganz so einfach. Denn neben dem, dass eine solche Kastration im Tierschutzrecht verboten ist, sind auch die daraus möglicherweise resultierenden medizinische Auswirkungen nicht zu vernachlässigen. Dazu gehören unter anderem der permanente Kampf um das Gewicht und Hungergefühl, die Schilddrüsen-Unterfunktion, Haar- und unerwünschte Verhaltensveränderungen oder auch Inkontinenz, die eine Dauermedikamentation notwendig macht.
Das Fehlen der weiblichen Hormone infolge Kastration kann aber auch weitere direkte Auswirkungen haben:
- So fehlen sie beim Erwachsenwerden (viele Hündinnenhalter*innen berichten über positive Weiterentwicklungen nach jeder Läufigkeit in den ersten 2 bis 3 Jahren – siehe dazu auch dieser Facebook-Beitrag)
- Ein vorhandenes generelles Aggressionsthema kann sich verschärfen, da der Ausgleich zum Testosteron in ihrem Körper fehlt
Zudem erfüllen die Östrogene, welche vor allem in den (nun entfernten) Eierstöcken gebildet werden, noch viele weitere wichtige Aufgaben im Körper.
Noch viel gravierender ist, jedoch dass sich für die kastrierten Hunde (Hündin und Rüde) das Risiko für andere Krankheiten und teils bösartigere Krebsarten, sowie Gelenkserkrankungen erhöhen kann.
WENN KASTRATION, DANN NICHT ZU FRÜH
Leider kann dir heute niemand sagen, ob deine Hündin zur kleinen, betroffenen Gruppe gehört oder zur grösseren Gruppe, ohne dieses Risiko. Aber das Gleiche gilt auch für alle Risiken nach einer Kastration.
Während du auf letztere nach einen Kastration keinen Einfluss mehr hast, besteht bei den Mammatumoren immer die Möglichkeit der Vorsorgeuntersuchung. Dazu braucht es lediglich eine regelmässige Kontrolle der Gesäugeleisten auf mögliche Knoten, um sie rechtzeitig zu erkennen und operieren (Johanne Bernick schreibt, dass sie in ihren 34 Jahren keine Hündin an Metastasen verloren hätten, deren Knoten 1cm und kleiner war). Eine Gesäugeleisten-Operation ist selbstverständlich nicht schön, aber dafür gibt es auch keine unnötigen Kastrationen. Und alle erkrankten Hündinnen von denen ich Kenntnis habe, hatten nach der Operation noch ein langes und gesundes Leben.
Wenn dir aber das Restrisiko trotzdem zu hoch bleibt, dann weisst du jetzt, dass du deine Hündin auch ohne grosses Risiko erst mit 2 bis 3 Jahren kastrieren lassen kannst. Dann ist sie in der Regel auch körperlich und geistig ausgereift (kleinere Hunde tendenziell früher als die grossen).
DER BESTE ZEITPUNKT FÜR EINE KASTRATION
Dieser steht im direkten Zusammenhang mit dem Zyklus der Hündin, welcher wie folgt aussieht:
- Proöstrus (Dauer: 7- 10 Tage)
- Östrus (Dauer: 7 – 10 Tage)
- Metöstrus (Dauer: durchschnittlich 75 Tage)
- Anöstrus (Dauer: 5-10 Monate)
Die letzte Phase (auch Ruhephase genannt) in der jegliche äusseren Anzeichen des Zyklus fehlen ist, ist der beste Zeitpunkt für eine Kastration: der Hormonstatus ist niedrig und auch das Blutungsrisiko gering * Bei einer Notperation kann darauf natürlich keine Rücksicht genommen werden.
* bei einer Frühkastration müsste dieser Zeitpunkt je nach Alter vorgängig über einen Bluttest ermittelt werden, da die ersten Zyklen noch nicht so klar abgegrenzt sein könnten.
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DER RÜDE
BEIM RÜDEN MUSS EINE KASTRATION EBENFALLS GUT ÜBERLEGT SEIN
Auch beim Rüden wird die Kastration oft als das Mittel der Wahl empfohlen. Meist zu Beginn der Adoleszenz, welche auf auf die Pubertät folgt, in der er sich nicht nur für das andere Geschlecht zu interessieren beginnt sondern vielleicht auch nicht mehr jeden anderen Hund so toll findet wie zuvor.
Dies ist aber Teil des ganz normalen Erwachsenwerdens eines Rüden – bei dem einen etwas mehr beim anderen weniger. Denn ähnlich wie unsere Jugendlichen, stecken sie mitten in einem Prozess und müssen erst einmal lernen mit ihrem neuen Hormonstatus zu Recht zu kommen.
Und ja, es ist nicht immer leicht, mit einem verliebten Rüden an der Leine spazieren zu gehen, weil gerade eine läufige Hündin unterwegs ist oder die Pipistellen gerade so intensiv riechen. In der Regel nimmt das Interesse an diesen Gerüchen aber mit zunehmenden Alter und guter Anleitung auch wieder ab. Und es gibt auch gute alternative Unterstützungsmöglichkeiten sollte der Rüde zu sehr leiden.
Hinzu kommt, dass eine Kastration IMMER nur die Verhalten beeinflusst, welche direkt mit den Sexualhormonen in Verbindung stehen.
Bei Rüden, die aus anderen Gründen aggressives Verhalten zeigen (Unsicherheit, Überforderung, Stress, Ressourcen-Verteidigung, sofern nicht sexuell motiviert…) wird eine Kastration keine oder nur marginale Verbesserungen bringen. Bei manchen Hunden kann diese sogar zu einer Verschlechterung führen.
Gerade Unsicherheiten werden oft verstärkt, da nun das unterstützende Testosteron fehlt. Manche Rüden riechen anschliessend auch so interessant für andere Rüden, dass sie von diesen bedrängt werden.
Zudem ist ein gewisses Mass an Aggressivität für jedes Lebewesen normal und muss nicht mit dem Messer unterbunden werden.
GESUNDHEITLICHE RISIKEN EINER KASTRATION BEIM RÜDEN
Wie bei der Hündin kann es auch bei einem Rüden durch eine Kastration, zu Gewichtsproblemen, Inkontinenz, Schilddrüsen-Unterfunktion sowie Haar- und unerwünschten Verhaltensveränderungen kommen. Zudem kann bei einer zu frühen Kastration auch das Grössenwachstum negativ beeinflusst werden.
Und auch gesundheitlich ist eine Kastration nicht ohne. Man weiss zum Beispiel, dass dadurch das Risiko für bösartige Tumore steigen kann. Ausserdem führen die fehlenden Sexualhormone bei manchen Hunden zu einer Bindegewebsschwäche, die sich vor allem bei älteren und molosserartigen Hunden auf die Gelenkstabilität auswirkt. Beim Menschen ist auch bekannt, dass fehlendes Testosteron zu Stimmungsschwankungen und Depressionen führen kann, weshalb soll dies bei unseren Hunden anders sein.
Und selbst wenn dies alles nicht passiert, so ist nicht gesagt, dass sich das Verhalten durch eine Kastration tatsächlich verbessert. Denn sehr oft ist Verhalten irgendwann auch erlernt. Und auch wenn in den Hoden das meiste Testosteron gebildet wird, bleibt immer noch eine kleine Testosteron-Produktion in der Nebennierenrinde übrig.
Und auch beim Rüden gilt, dass gewisse Risiken wie zum Beispiel eine Prostatavergrösserung – oder Erkrankung durch Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig erkannt werden kann.
AUCH BEIM RÜDEN KASTRATIONSZEITPUNKT NICHT ZU FRÜH WÄHLEN
Wenn der Hund natürlich jedes Jahr stark leidet, sobald läufige Hündinnen unterwegs sind, kann eine Kastration sinnvoll sein. Ebenso, wenn der Hund immer wieder in Rüdenstreitereien verwickelt ist, die eindeutig auf die Sexualhormone zurückzuführen sind. Egal ob von ihm oder anderen ausgelöst. Hier muss aber vorgängig eine ganz genaue Analyse durchgeführt werden, damit er nicht vom Regen in die Traufe kommt. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, die aufzuführen, würde hier aber den Rahmen sprengen.
Auch beim Rüden ist es sinnvoll wenn die Hormone ihre Aufgabe beim Erwachsenwerden erfüllt können, bevor er kastriert wird. Denn diese sind ja nicht für den Sexualtrieb zuständig, sondern tragen auch viel zur körperlichen Entwicklung (Knochendichte, Muskelmasse…) und mentalen Reife bei.
Wann diese Entwicklung abgeschlossen ist, ist von Rasse und Individuum unterschiedlich. Aber grob kann gesagt werden, dass dies bei Kleinhunderassen meist früher der Fall ist als bei grossen Rassen. Eine gute Regel ist, dass man einem Rüde etwa gleich lange Zeit lassen sollte wie eine Hündin seiner Rasse bis zur dritten oder vierten Läufigkeit braucht.
Ebenso empfiehlt es sich, die Kastration nicht im Frühling durchzuführen, da hier der Hormonstatus infolge läufiger Hündinnen tendenziell höher sein könnte. Eine Studie deute darauf hin, dass auch andere Monate besser oder weniger gut geeignet sein könnten, einen Rüden zu kastrieren.
EINFLUSS DER KASTRATION AUF DAS VERHALTEN VON RÜDE UND HÜNDIN
Bei beiden Geschlechtern gilt: eine Kastration wird immer nur die Verhalten beeinflussen, die durch die Sexualhormone gesteuert werden. Jagdleidenschaft, Gehorsamsprobleme oder eine geringe Frustrationstoleranz und Impulskontrolle im Alltag gehören jedoch nicht dazu oder nur, wenn der Stresslevel aufgrund sexuell motivierter Frustration noch höher ist.
Bei einem zu frühen Kastrationszeitpunkt besteht zudem die Gefahr, dass sowohl Hündin als auch Rüde ein welpiges Verhalten beibehalten. Etwas was von anderen Hunden im Erwachsenenalter oft nicht mehr toleriert wird.
Und viele Verhalten lassen sich statt durch Operation auch durch ein gutes, bedürfnisorientiertes Training verändern. Erst recht, wenn man es nicht lange anstehen lässt. Denn je länger der Hund unerwünschtes Verhalten ausübt, desto länger dauert auch das anschliessende Training. Und je öfter ein Hund eine Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheidet, desto eher wird er wieder auf dieses Strategie zurückgreifen.
DEINE HÜNDIN LEIDET NICHT, WENN SIE KEINE WELPEN BEKOMMT
Auch in einem festen Rudel bekommen nicht alle Wölfinnen Welpen. Nur diejenigen, die abwandern gründen auch eine eigene Familie. Bei festen Hundegruppen ist es etwas anders. Aber auch da werden nicht alle Mütter.
Jedoch durchleben viele Hündinnen eine sogenannte Scheinmutterschaft. In der Natur, könnten sie im Notfall so die Welpchen ernähren, würde der Mutter etwas passieren. Auch unkastrierte Hündinnen zeigen dieses natürliche Verhalten noch zum Teil.
Du kannst aber die Scheinträchtigkeit bzw. Scheinmutterschaft etwas beeinflussen sollte deine Hündin eine starke durchmachen: Reduziere bei deiner Hündin ab den nächsten Stehtagen das Futter um ca. einen Drittel (natürlich nur bei gesunden Hunden) und gib evt. auch etwas Petersilie übers Futter (abhängig von der Grösse bis zu einem Teelöffel). Und lass ihr Gesäuge in Ruhe, damit es nicht zur Milchproduktion angeregt wird.
Wenn du dich noch weiter über dieses Thema informieren möchtest, empfehle ich dir unter anderem diese Artikel:
© 2016 /2023 – Teamschule – Monika Oberli



