Die Kastration der Hündin und des Rüdens

Sucht man im Internet findet man unzählige Artikel zur Kastration einer Hündin. Und in nicht wenigen entdeckt man die Aussage, dass ein Viertel der nicht oder spät kastrierten Hündinnen an einem Mammatumor (Tumor in der Gesäugeleiste) erkranken würden.

kastration

Das Video zu diesem Beitrag:
https://youtu.be/aFMuh6v6pHw

 

 

Rettung bringe hier einzig und alleine die Kastration. Je früher desto besser. Denn kastriert man die Hündin noch vor der 1. Läufigkeit, reduziert sich ihr Risiko auf 0.5 Prozent.  Je länger man jedoch wartet, desto höher das Risiko und geringer die Prophylaxe.

80% Differenz, das ist ein enormer Unterschied und somit wäre eigentlich alles klar. Oder etwa doch nicht?

Bei diesen Zahlen fehlen ein paar wesentliche Angaben! Unter anderem, dass diese aus einer Studie aus dem Jahre 1969 stammen. Das alleine muss noch nichts bedeuten. Aber bereits 2007 hat Frau Dr. Gabriele Niepel in ihrem Buch „Kastration beim Hund – Chancen und Risiken *“ darauf hingewiesen, dass diese Zahlen nur das relative Risiko aufzeigen. Das heisst, sie beziehen sich nicht auf die gesamte Hündinnen Population, sondern lediglich auf die Gruppe von Hündinnen, welche tatsächlich das Risiko in sich tragen, an einem Mammatumor zu erkranken. Daher lässt sich das tatsächliche Risiko nur beurteilen, wenn man auch die absoluten Zahlen kennt.
* Dieses basiert auf der Bielefelder Kastrationsstudie von Dr. Gabriele Niepel aus dem Jahre 2003

Und absolut heisst, dass die Wahrscheinlichkeit einer unkastrierten Hündin an einem Mammatumor zu erkranken bei 0,2 bis 1,8 % liegt. Das bedeutet dass nur 2 bis 20 von 1000 Hündinnen überhaupt je von dieser Krankheit betroffen sein würden. Und ein Viertel davon wären demzufolge bei den erst nach der 2. Läufigkeit kastrierten Hündinnen nur noch maximal 0.5%. Deutlich weniger als die eingangs erwähnten 25%. Auch treten die Gesäugetumore in der Regel erst in einem höheren Alter auf.

Ausserdem weiss man aufgrund neuerer Studien an Golden Retrievern und Vislaz, dass kastrierte Hund anfälliger für andere Krankheiten und Krebsarten, sowie Gelenkserkrankungen zu sein scheinen, als unkastrierte. Dieses Ergebnis muss aber sicherlich noch anhand weiterer Studien an anderen Rassen sowie Erfahrungen aus der Praxis überprüft werden.

Ebenso spricht vieles dafür, dass Übergewicht im ersten Lebensjahr ein massgeblicher Faktor für das spätere Krebsaufkommen sein könnte.

Was heisst das für Ihre Hündin

Leider kann uns heute niemand sagen, ob eine Hündin zur betroffenen Gruppe gehört  die einen Gebärmuttertumor entwickeln wird oder nicht. Wem deshalb das Restrisiko noch zu hoch ist, für den ist eine Kastration immer noch eine mögliche Alternative. Mit dem Wissen über das absolute Risiko jedoch erst nach der 2. oder besser noch 3. Läufigkeit, so dass die Geschlechtshormone zumindest noch in der Reifungsphase ihre Wirkung entfalten können und die Hündin erwachsen werden kann .

Aber auch wir lassen uns in der Regel keine gesunden und für den Körper wichtige Organe entfernen, nur weil das Risiko besteht, dass sich dort einmal ein Tumor entwickeln könnte.

Und nicht vergessen werden darf, was die Östrogene, welche vor allem in den Eierstöcken gebildet werden, neben Sexualfunktionen noch für Aufgaben haben:

  • Östrogene haben eine schützende und stabilisierende Wirkung auf die Knochen
  • Östrogene schützen die Blutgefässe
  • Östrogene sind die Gegenspieler zu den auch bei den Hündinnen vorkommenden männlichen Hormonen. Fehlen diese, kann es zu einer Vermännlichung der Hündin kommen
  • Das Risiko von Altersdiabetes steigt

Der beste Zeitpunkt für die Kastration der Hündin…

…steht im direkten Zusammenhang mit dem Zyklus der Hündin

  • Proöstrus (Dauer: 7- 10 Tage)
  • Östrus (Dauer: 7 – 10 Tage)
  • Metöstrus (Dauer: durchschnittlich 75 Tage)
  • Anöstrus (Dauer: 5-10 Monate)

Diese letzte Phase (auch Ruhephase genannt) in der jegliche äusseren Anzeichen des Zyklus fehlen ist, ist der beste Zeitpunkt für eine Kastration: der Hormonstatus ist niedrig und auch das Blutungsrisiko geringer

Und wie sieht es beim Rüden aus?

Auch beim Rüden wird leider allzu oft die Kastration als das Mittel der Wahl empfohlen, wenn der Jungrüde beginnt, sich für das weibliche Geschlecht zu interessieren oder sich mit anderen Rüden testet. Dabei wird vergessen, dass dies angemessen zur normalen Entwicklung des Rüden gehört – bei dem einen etwas mehr bei dem anderen weniger intensiv. Ähnlich wie bei uns Menschen stecken sie mitten in der Adoleszenz und müssen erst einmal lernen mit ihrem neuen Hormonstatus zurecht zu kommen.

Und ja, es ist nicht immer leicht, mit einem verliebten Rüden an der Leine spazieren zu gehen, weil gerade eine läufige Hündin unterwegs ist oder die Pipistellen gerade so intensiv riechen. In der Regel nimmt das Interesse an diesen Gerüchen mit zunehmenden Alter auch wieder ab.

Und man darf nicht vergessen, dass auch beim Rüden die Kastration nicht nur positive Effekte hat. So ist zum Beispiel bekannt, dass nach der Kastration das Risiko steigen kann, an bösartigen Tumoren zu erkranken. Ebenso wird das Bindegewebe geschwächt, was sich insbesondere bei älteren  und molosserartigen Hunden negativ auswirkt. Ebenso können sich bestehende Unsicherheiten verstärken, da nun das unterstützende Testosteron wegfällt.  Und manche Rüden werden anschliessend von anderen Rüden bedrängt werden und von Hündinnen weggebissen, weil sie für diese wie eine läufige Hündin riechen. Auch weiss man vom Menschen, dass unzureichend vorhandenes Testosteron zu Stimmungsschwankungen und Depressionen führen kann.

Eine Kastration wird auch immer nur nur das Konkurrenzverhalten gegenüber anderen Rüden beeinflussen, wenn dieses tatsächlich sexueller Natur ist.  Bei Rüden, die sich aus anderen Gründen aggressiv zeigen (Unsicherheit, Überforderung, Stress, Ressourcen-Verteidigung, sofern nicht sexuell motiviert…) wird eine Kastration keine oder nur marginale Verbesserungen bringen.

Nur wenn der Hund jedes Jahr stark leidet, sobald läufige Hündinnen unterwegs sind und er ihnen tagelang nachweint und nichts mehr frisst, lohnt es sich über eine Kastration nachzudenken. Ebenso, wenn der Hund immer wieder in Rüdenkabbeleien verwickelt ist.

Aber auch hier gilt wie bei der Hündin, dass der Rüde erst dann kastriert werden sollte, wenn die Hormone ihre Aufgabe erfüllt haben. Denn diese sind ja nicht nur für den Sexualtrieb zuständig, sondern tragen auch viel zur körperlichen Entwicklung (Knochendichte, Muskelmasse…) und mentalen Reife bei. Wann diese Entwicklung abgeschlossen sein wird, ist von Rasse und Individuum abhängig. Aber grob kann gesagt werden, dass dies bei Kleinhunderassen in der Regel früher der Fall ist als bei grossen Rassen.

Ebenso empfiehlt es sich, die Kastration nicht im Frühling durchzuführen, da hier der Hormonstatus infolge läufiger Hündinnen tendenziell höher ist. Inzwischen gibt es Studien, die darauf hindeuten, dass auch andere Monate besser oder weniger gut geeignet sein könnten, einen Rüden zu kastrieren.

Bei alldem darf aber auch nicht vergessen werden, dass das Sexualhormon Testosteron nicht nur in den Hoden gebildet wird, sondern auch zu einem geringen Teil in der Nebennierenrinde.

Kastration und Verhalten

Bei beiden Geschlechtern gilt: eine Kastration wird immer nur die Verhalten beeinflussen, die durch die Sexualhormone gesteuert werden, also z.B. das Weglaufen wegen einer läufigen Hündin oder Hungern aus Liebeskummer“. Die Jagdleidenschaft, Gehorsamsprobleme oder eine geringe Frustrationstoleranz und Impulskontrolle im Alltag gehören jedoch nicht dazu oder nur, wenn diese aufgrund sexuell motivierter Frustration bereits strapaziert sind.

Bei einem zu frühen Kastrationszeitpunkt besteht zudem die Gefahr, dass sowohl Hündin als auch Rüde ein welpiges Verhalten beibehalten, was aber von anderen Hunden im Erwachsenenalter nicht mehr akzeptiert wird.

Zeigen Rüde oder Hündin aber tatsächlich auffälliges Verhalten, egal ob sexuell oder anders motiviert, so ist möglich früh trainingsmässig gegenzusteuern. Denn je länger der Hund unerwünschtes Verhalten ausübt, desto schwerer wird es, dass er dieses wieder verliert. Und je öfter ein Hund eine Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheidet, desto mehr nimmt auch sein Testoteronspiegel zu.

Ausserdem empfehle ich euch zu diesem Thema auch die folgenden Beiträge:

© 2016 – Teamschule – Monika Oberli

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s