Desensibilsierung oder Flooding

Es ist nur ein schmaler Grat, damit aus einer Desensibilisierung kein Flooding wird.
Aber für den Hund ist es ein Unterschied, der nicht grösser sein könnte. 

Silvester nähert sich und damit tauchen auch wieder öfters Beiträge in Foren und bei Facebook auf, die von Hunden handeln welche panisch auf Knaller und Feuerwerk reagieren.

Und meist dauert es nicht lange, bis die ersten Kommentare kommen. Darunter sind viele wertvolle, aber leider auch solche, die gleich Tipps geben, wie die Hunde an diese Geräusche gewöhnt werden können. Dabei kennen die Kommentatoren weder Hund noch Halter, noch deren bisheriges Training und riskieren, dass sich durch eine falsche Anwendung das Ganze noch verschlimmert.

Desensibilisierung und Gegenkonditionierung, die beiden wichtigsten Werkzeuge beim Training mit und gegen die Angst, können nicht einfach wie ein Kochbuch hervor genommen werden. Dazu ist jedes Team, jeder Hund und jede Angst bzw. Furcht zu individuell. Deshalb wird auch kein seriös arbeitender Trainer hier eine Ferndiagnose erstellen und erst recht nicht bei einem ihm unbekannten Team.

Denn werden diese zwei Methoden nicht richtig durchgeführt, ist die Gefahr gross, dass man statt einer Desensibilisierung den Hund durch ein Flooding überfordert und er danach noch mehr traumatisiert ist.

FLOODING – REIZÜBERFLUTUNG

Bei dieser Methode wird der Hund so lange und in der Regel hoher Intensität dem gefürchteten Reiz ausgesetzt, bis er sich an diesen gewöhnt. Weil unsere Hunde nicht mit uns sprechen können, wird diese Gewöhnung daran festgemacht, dass der Hund

  • seine Flucht- und Abwehrverhalten aufgibt
  • keine Angst- und Stresssignale mehr aussendet
  • „entspannt“ in der Situation verbleibt.

Doch das ist trügerisch. Denn ja, vielleicht haben wir Glück und er hat tatsächlich verstanden, dass ihm das Gefürchtete nichts tut. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass er irgendwann zu erschöpft für Gegenwehr ist und aufgibt – denn so ein Training kann durchaus auch mal über Stunden dauern *. Und ja, der Hund hat dabei auch etwas gelernt: egal was er tut, er kann nichts an der Situation verändern. Man nennt diesen Kontrollverlust deshalb auch „erlernte Hilflosigkeit“.

Die Angst ist deswegen jedoch nicht weg, der Hund reagiert nur nicht mehr sichtbar darauf. Aber vielleicht zeigt er stattdessen unerklärliches Verhalten in ganz anderen Situationen. Hinzu kommen die gesundheitlichen Risiken und der Vertrauensverlust die mit diesem Training einhergehen.

* Der Hund eines meiner Kollegen sollte ohne seine Unterstützung 300 Gewehrschüssen ausgesetzt werden. Erst wenn der Hund keine Reaktion mehr zeigt, hätte er zu ihm gehen dürfen. Gsd konnte ich ihm das ausreden. 

Beim Flooding muss die Intensität des Reizes noch nicht einmal so heftig wie in Wirklichkeit sein. Wenn der Hund es als unangenehm oder gefährlich empfindet, dann reichen auch abgeschwächte Reize.

Es sind aber nicht nur Geräusche: auch das Festhalten des Hundes bis er sich nicht mehr zur Wehr setzt oder die Konfrontation mit anderen Hunden, gehören zum Flooding. Kommt dir das bekannt vor? Ja richtig, das ist das was wir im TV oft als vermeintlich erfolgreiches Training zu sehen bekommen. Aber leider auch auf manchen Hundeplätzen wo Hunde bewusst oder unbewusst viel zu nahe zusammen stehen müssen. Flooding findet aber auch in schlechtgeführten Welpengruppen und in den sogenannten Raufergruppen statt.

Auch im Alltag finden sich unzählige Beispiele für eine Reizüberflutung. Wie der Hund aus dem Ausland, der sofort mit all dem Unbekanntem seiner neuen Umgebung konfrontiert wird. Oder die Hunde, die sich auf dem Weihnachtsmarkt oder dem Stadtspaziergang sichtlich unwohl fühlen, während die Menschen durch die Massen schlendern. Auch diese Hunde haben nur die Chance, sich zu wehren oder aufzugeben. Und was ist mit den Hunden, die entgegen ihres Willens hochgenommen und geherzt werden oder ohne Vorbereitung durch den Tierarzt angefasst und behandelt werden. Dies alles in bester Absicht. Aber auch hier ist leider gut gemeint nicht immer gut gemacht.

Die Therapieform „Flooding“ ist auch bei Menschen nicht unumstritten. Aber im Gegensatz zu den Hunden wird mit dem Menschen das Training vorgängig besprochen und nur mit seiner ausdrücklichen Zustimmung durchgeführt. Und er weiss, er kann jederzeit „Stopp“ sagen, ohne dass sich deswegen seine Angst verschlimmert. Wird das Flooding jedoch beim Hund mittendrin abgebrochen, weil er zum Beispiel panisch reagiert, so ist seine Angst danach grösser wie zuvor.

DESENSIBILISIERUNG 

Die systematische Desensibilisierung hat zum Ziel, den Hund stress- und konfliktfrei an seine Angstauslöser heranzuführen. Denn nur so ist ein angstfreies Lernen von neuen Bewältigungsstrategien möglich, die ihm helfen seine Ängste zu reduzieren oder im besten Fall ganz zu verlieren.

Bei der Desensibilisierung wird deshalb der Reiz in so niedriger und kurzer Intensität präsentiert, dass sich der Hund noch wohl fühlt und nur eine leichte Aufmerksamkeits-Reaktion zeigt. Wie niedrig und in welcher Distanz dieser Reiz auftaucht und welche unterstützenden Massnahmen zusätzlich notwendig sind, muss deshalb sorgfältig geplant und während des Trainingsverlaufs immer wieder überprüft und angepasst werden. Nur so ist eine Desensibilisierung möglich, die eine Überforderung ausschliesst. Und weil dem so ist, kann sie auch mit allen Hunden durchgeführt werden, egal welche Rasse, Vorerfahrung oder Alter (mein eigener Hund war fast 8 als er zu mir kam und ich die Desensibilisierung begann).

Idealerweise wird die Desensibilisierung auch noch mit einer Gegenkonditionierung kombiniert. Aber auch hier, es kommt auf das Wie und Wann an, damit es dem Hund tatsächlich hilft und nicht die Situation noch verschlimmert.

Und dann gibt es noch die Ängste, welche keine offensichtliche Ursache haben. Hier muss das Training noch einmal anders aussehen, da hier nicht mit dem Auslöser selbst gearbeitet werden kann.

TRAININGSDURCHFÜHRUNG

Wende dich für ein Training rund um das Thema Angst an einen Trainer, der zu euch nach Hause kommt. Nimm aber nicht einfach einen, der gerade in der Nähe ist, sondern achte darauf, dass er sich mit diesem Thema gut auskennt, nach wissenschaftlich belegten Methoden trainiert und achtsam mit Mensch und Hund umgeht. Und frag ihn auch, ob er gegebenenfalls mit einem Verhaltenstierarzt zusammenarbeiten würde. Denn nicht immer reicht bei Angstthemen das Training alleine.

WEITERFÜHRENDE ARTIKEL

Möchtest du mehr zum Thema Angst erfahren? Oder möchtest du wissen womit du deinem Hund neben der genannten Desensibilisierung sonst noch helfen kannst, dann lies dir gerne die folgenden Artikel durch:

© 2020 – Teamschule.ch – Monika Oberli

Ein Gedanke zu “Desensibilsierung oder Flooding

  1. Pingback: Gegenkonditionierung und Desensibilisierung | TeamSchule - Mensch und Hund

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