Die Hundezunge

Die Hundezunge – so vielfältig wie ein Schweizer Klappmesser. Denn egal, welches Werkzeug der Hund gerade braucht, die Zunge formt es: die Kelle zum Trinken, die Zange zum Festhalten und die Schaufel zum Fressen.

Für diese Formbarkeit und Beweglichkeit sorgen starke Muskeln in der Hundezunge. Dabei ist die innere Muskulatur für die Formgebung der Zunge zuständig, während die äussere für deren Bewegung sorgt. Und als weitere Besonderheit sitzt in der Zungenspitze ein bindegewebsartiger Strang, die sogenannte Lyssa (Tollwurm), die dem Hund erlaubt, die Spitze praktisch unabhängig vom Rest zu bewegen.

Da wundert es nicht, dass die Hundezunge teils so akrobatische Verrenkungen zu Stande bringt.

Die eigenartigen Bewegungen der Zungenspitze führte dazu, dass man diesen Schlauch nach der griechischen Göttin „Lyssa“ (Göttin der Wut) benannte. Im Mittelalter nahm man sogar an, dass dort der Sitz der Tollwut liege, deren Ausbreitung man durch Abschneiden der Zungenspitze zu verhindern suchte.

DIE VIELFÄLTIGEN EINSATZMÖGLICHKEITEN DER ZUNGE

Die Zunge dient dem Hund nicht nur zur Nahrungsaufnahme und Weiterbeförderung der Nahrung. Mit ihr kann er auch Dinge erkunden und sein Essen schmecken. Selbst bei der Körper- und Maulpflege und auch beim Regulieren der Körperwärme ist sie unverzichtbar.

Sicher hast du deinen Hund aber auch schon dabei beobachtet, wie er intensiv an Pipistellen leckt und schmatzt. Dabei führt er mit der Zunge Duftstoffe aus dem Urin anderer Hunde zum Jacobson Organ.

Das Jacobson Organ liegt direkt hinter den oberen Schneidezähnen. Es handelt sich dabei um eine kleine Öffnung im Gaumen von Hunden und vielen anderen Tieren, welche direkt mit der Nase verbunden ist. So kann der Hund die Pheromone aus dem Urin aufschlüsseln und erfährt dadurch viel über Geschlecht, Alter, Hormonstatus… des anderen Hundes.

DIE ZUNGE ALS WEITERES SINNESORGAN

Über die gesamte Zunge verteilt sind Tast- und Geschmackspapillen verteilt.

In letzteren sitzen Geschmacksknospen mit deren Hilfe der Hund erkennen kann ob etwas süss, bitter, sauer, salzig oder umami (fleischig und herzhaft) schmeckt. Dafür sind diese nach heutigem Wissenstand in unterschiedlichen Zonen unterteilt.

  • Süss wird an der Zungenspitze wahrgenommen
  • Salzig und sauer an den Seitenrändern des Zungenkörpers
  • Bitter und umami am Zungengrund

Diese Zuordnung wird jedoch zunehmend in Frage gestellt.

SO GUT SCHMECKT DER HUND

Beim Riechen ist uns der Hund deutlich überlegen, beim Geschmack jedoch haben wir die Nase vorne. Die Hundezunge besitzt nämlich nur ungefähr 1700 Geschmacksknospen und somit vier mal weniger wie wir. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb sich Hunde beim Fressen mehr auf ihren Geruchsinn als ihre Zunge verlassen.

Aber unabhängig davon, wo Jemand etwas schmeckt oder wie viele Rezeptoren ihm zur Verfügung stehen, ohne Geruchssinn geht nichts. Denn ohne Geruchssinn kann sich kein oder kaum Geschmack entwickeln.

Dieses stärkere Verlassen auf den Geruch kannst du auch für deine Belohnungen nutzen: Mische dazu gesunden Leckerchen (z.B. dein normales Futter) mit Würstchen, Käse und Co. Dadurch riechen auch deine Trockenkekse leckerer.
Oder aber du gibst einen Teil deines Futters in ein Glas und legst ein Säckchen mit Speck dazu, so dass sich nur der Geruch vermischt. Gerade Letzteres ist für Hunde, die nicht alles fressen dürfen, sehr praktisch.

DIE ENTWICKLUNG DES GESCHMACKSINNS

Bereits im Mutterleib entwickeln sich beim Hund die ersten Geschmacksvorlieben. Aber eine noch wichtigere Rolle spielt, was der Hund anschliessend in seinen ersten Lebensmonaten zu fressen bekommt.

Je mehr er in der Zeit kennenlernt, desto einfacher fällt es ihm später, sich auf Veränderungen beim Futter einzustellen. Je einseitiger die Ernährung ist, desto desto kritischer wird er später auf Futterumstellungen reagieren. Gerade bei Hunden von der Strasse erlebt man dies öfters.

Manche Hunde verweigern aber auch ein bestimmtes Futter oder Futterbestandteile, weil sie spüren, dass es ihnen nicht bekommt. Dann zwing deinen Hund nicht dazu, dieses zu fressen.
Und denk auch immer an Schmerzen in den Zähnen, wenn er plötzlich nicht mehr fressen mag.

GESCHMACKSVERMEIDUNGSLERNEN

Vielleicht hast du es auch schon erlebt, dass dir schlecht wurde, nachdem du etwas Neues gegessen hast. Danach hast du so eine Aversionen dagegen entwickelt, dass du es nicht einmal mehr riechen, geschweige denn essen mochtest. Selbst wenn du wusstest, dass dieses eigentlich nichts für deine Übelkeit konnte.

Nicht anders geht es unseren Hunden, wenn ihnen kurz nach dem Fressen schlecht wird oder Schmerzen auftreten.

Bei Hunden, die länger unter Magen-/Darmproblemen leiden, kann dies sogar dazu führen, dass Essen auch später ein Thema bleibt oder dass sie das Futter aus dieser Zeit verweigern.

Oft fressen Hunde auch im Alter schlechter. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass sie sich weniger bewegen und dadurch weniger Hunger haben.
Aber noch mehr, dass sich im Alter die Anzahl der Geschmacksrezeptoren nochmals verringert und sich auch der Geruchsinn verändert. Da hilft es, den Geruch des Futters durch Erwärmen oder Hinzufügen von Knochenbrühe oder sonst etwas intensiv Riechendem zu verstärken.

DIE ZUNGE ALS PRAKTISCHES KÜHLMITTEL

Einen Grossteil der Wärme führt der Hund über seine Pfoten ab. Bei grosser Anstrengung oder im Sommer reicht dies aber nicht und seine Zunge kommt zum Einsatz.

Je wärmer dein Hund dabei hat, desto länger und breiter wird auch seine Zunge und vergrössert so die Fläche für den Wärmeaustausch. Reicht dies nicht aus, beginnt der Hund zusätzlich zu hecheln. Der dabei erzeugte Luftstrom sorgt für zusätzliche Kühlung.

Jedoch kann so der Körper nur minimal abgekühlt werden. Zudem ist diese Art der Kühlung sehr anstrengend und verbraucht viel Flüssigkeit. Deshalb mute sie deinem Hund nicht lange zu und gib ihm zwischendurch Wasser, damit er nicht dehydriert. Das gilt noch mehr für Hunde, deren Zunge aufgrund der kurzen Nase fast permanent aus dem Maul hängt.

DIE ZUNGE ALS KELLE ZUM TRINKEN

Klick auf das Video

Hast du deinem Hund schon mal auf die Zunge geschaut und gesehen wie geschickt er seine Zunge dabei nutzt?

Hunde sind nicht in der Lage Wasser aufzusaugen. Stattdessen formen sie ihre Zunge zu einer kleinen Kelle und tauchen diese ins Wasser ein. Beim schnellen Hochziehen bildet sich eine Wassersäule, die der Hund mit den Zähnen abbeisst bevor sie in sich zusammen- und zurück ins Wasser fällt.

DIE ZUNGE ALS SCHAUFEL BEIM FRESSEN

Klick auf das Video

Auch beim Fressen zeigt die Zunge ihre akrobatischen Fähigkeiten. Ihre Bewegungen führen nämlich nicht nur das Fressen ins Maul, sie walken grössere Stücke auch durch bevor diese von den kleinen und grossen Speicheldrüsen gut eingefeuchtet die Speiseröhre heruntergleiten.

Und wenn man sich im Video die Zunge von Shadow anschaut, mutet es fast als Wunder an, dass er nie drauf beisst.

DIE ZUNGE ALS GESUNDHEITSANZEIGER

Es lohnt sich, sich Zunge einmal ganz genau anzuschauen und dabei speziell auf die Farbe der Zunge zu achten, welche im gesunden Zustand in der Regel blassrosa gefärbt ist. Bei manchen Hunde weist die Zunge aber auch eine blaue Farbe auf – ganz oder als Flecken.

Die Schleimhaut, welche die gesamte Zunge umgibt, kann dir aufgrund ihrer guten Durchblutung nämlich auch Hinweise auf den gesundheitlichen Zustand deines Hundes geben.

Nach einer grösseren Anstrengung kann die Farbe auch mal kurz etwas dunkler sein. Hat sich der Hund jedoch erholt, muss sie wieder die normale Farbe aufweisen.

Diese Hündin hatte einen Krampfanfall
und man erkennt noch
die bläuliche Verfärbung der Zunge.

Ist dies nicht der Fall oder zeigt die Zunge eine andere Färbung kann eine Erkrankung die Ursache sein:

  • RÖTUNG: Dauert diese länger an, ist dies meist ein Zeichen für einen entzündlichen Prozess im Körper
  • BLÄULICH: Dies kann ein Hinweis auf einen Sauerstoffmangel, ein Herzprobleme oder einen grösseren Flüssigkeitsmangel sein
  • BLASSE FARBE*: Dies ist in der Regel ein Zeichen für Blutarmut, verursacht durch eine Kreislauf-Schwäche, innere Blutung oder eine sonstige Erkrankung, die sich auf das Blut auswirkt

Auch eine Vergiftung kann zu einer Farbveränderung führen. Hier ist die Farbe jedoch abhängig von der Art der Vergiftung. Bei einer Magen-Darm-Erkrankung entsteht auch gerne mal ein weisslicher Belag auf der Zunge. Dieser ist aber fast immer unproblematisch.

* Da diese Veränderungen oft auch das Zahnfleisch betreffen, kannst du durch einen einfachen Test prüfen wie kritisch es ist. Drück dazu auf das Zahnfleisch und zähle die Sekunden bis die Druckstelle wieder die vorherige Farbe angenommen hat. Dies sollte innerhalb von 1 bis 2 Sekunden geschehen sein. Dauert es länger ist eiin gesundheitliches Problem sehr wahrscheinlich.

DIE ZUNGE ALS MEDIZIN

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der Hundespeichel desinfizierend wirkt und bestimmte Bakterien abtöten kann (Link). Auch das Wachstum gutartiger Mikroorganismen soll er fördern. Und Kinder, die mit Hunden aufwachsen sind im Schnitt weniger anfällig für bestimmte Erkrankungen (Link).

Da der Hund aber auch Krankheitserreger übertragen kann, die sich auf seiner Zunge und in seinem Speichel befinden, empfiehlt sich nicht, dies als gängige Behandlungsmethode zu wählen.

DIE ZUNGE ALS SPIEGEL DER EMOTIONEN UND GEFÜHLE

Die Zunge im entspannten, aufmerksamen Zustand


ZÜNGELN

Hunde züngeln in ganz unterschiedlichen Situationen. Dabei gleicht kein Züngeln dem anderen und auch nicht der Umstand in der es gezeigt wird.
Wir kennen zum Beispiel das Züngeln als Calming Signal wenn der Hund sich unwohl fühlt oder sein Gegenüber beschwichtigen möchte. Aber auch im Falle eines Konflikts oder bei Stress leckt sich mancher Hund mit der Zunge über die Nase – vielleicht als ein Akt der Selbstberuhigung.


HERAUSSTRECKEN

Manchmal blitzt die Zunge auch nur etwas hervor. Oft nur kurz, dafür aber auch mal mehrmals hintereinander.


Werden dazu noch die Zähne gebleckt, ist die Chance gross, dass es zu einem Angriff kommt, wenn eine bestimmte Distanz unterschritten ist. Egal ob du auf den Hund zu gehst oder er zu dir kommt.

Weiterführender Artikel: Drohen, offensiv, defensiv oder grinsen

AKTIVE DEMUT UND KISS TO DISMISS

Hier sieht man die Zunge im direkten Kontakt zu einem anderen Hund.

Während bei der aktiven Demut der Hund das Gegenüber beleckt, der den Kontakt gesucht hat, ist es beim Kiss to Dismiss der Hund der bedrängt wird und mehr Distanz möchte.


STRESS

An der Zunge lässt sich aber auch erkennen, dass ein Hund gestresst oder überfordert ist.

Bei grosser Anspannung sind die Zungenränder in der Spitze eingerollt fast wie beim einem Spatel. Auch Atemnot bedeutet Stress, weshalb man diese angespannte Zunge bei vielen kurzschnäuzigen Hunden auch ohne weitere Stressfaktoren sieht.


Ist der Hund in der Situation auch noch überfordert, gar noch in Verbindung mit Erschöpfung, hängt die Zunge auch einfach mal schlaff heraus.


HEISS UND/ODER ERSCHÖPFUNG

Je wärmer der Hund hat desto länger und auch breiter wird die Zunge. Wobei die Zungenlänge- und breite natürlich von Hund zu Hund variiert.


GÄHNEN

Nicht immer ist Gähnen eine Zeichen von Müdigkeit. Manchmal gähnen Hunde auch bei Überforderung oder in einem Konflikt.


TRINKEN


ZUNGENAKROBATIK


© 2022 Monika Oberli – Teamschule.ch

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