Von Wattebauschwerfern und Gewalt(anwendern)

Ich habe diesen Titel ganz bewusst gewählt. Denn wie oft geschieht es, dass in einer Diskussion genau diese Begriffe fallen, sobald das erste Mal das Wort „Strafe“ auftaucht.

Zu diesem Thema ist mir inzwischen aber auch schon öfters dieser Artikel „Die moderne Hundeerziehung…“ in Facebook-Gruppen und -profilen begegnet.

Der verlinkte Artikel versucht pseudowissenschaftlich aufzuzeigen, weshalb positives Training in vielen Fällen nicht funktionieren kann und in manchen sogar schadet. Eine Aussagen daraus findest du nachfolgend mit meinen Kommentaren.

ZITAT: Er hört mit dem Schlagen auf. In dem Moment ertönt ein lautes „Suuuupeeeeeeer Feiiiiiiiiiiiiin“

Genauso geht positives Training* nicht! Denn dieses Training setzt vor dem in unseren Augen falschen Verhalten an.

Aber selbstverständlich kommt es im Alltag auch mal zu unerwünschtem Verhalten. In dem Fall wartet dann auch der positiv arbeitende Hundehalter nicht darauf, bis der Hund von sich aus aufhört, sondern holt ihn mit Signalen aus seinem Verhalten, die er zuvor positiv aufgebaut hat. Denn würde er wie oben beschrieben handeln, hätte er sich ganz schnell eine negative Verhaltenskette aufgebaut.

Er wird den Hund aber sicherlich nicht dafür bestrafen. Denn wie hier das Kind, hat auch der Hund einen triftigen Grund für sein Handeln. Und schaut man rechtzeitig hin, kann er ihm helfen, bessere Konfliktlösungen zu finden. Und genau hier setzt das positive Training an.

* wobei es heute bessere Bezeichnungen gibt wie zum Beispiel bedürfnisgerechtes und achtsames Training für Mensch und Hund

ZITAT: Berufen wird sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und die Haltung der völligen Ablehnung von Gewalt.

Das ist richtig. Denn welchen Grund soll es für den Einsatz von Gewalt geben?

Zumal ja auch diejenigen, die Strafen in ihrem Training nutzen, immer wieder darauf hinweisen, dass sie korrigieren, aber keine Gewalt anwenden. Weshalb wird dieser Verzicht dann dem positiven Training vorgeworfen?

ZITAT: Hunde werden ausschließlich mit positiven Verstärkern (sprich Lob, Spiel, Futter oder was der Hund sonst so gerne macht) erzogen.

Richtig ist: das positive Training arbeitet so oft wie möglich mit positiven Verstärkern. Denn nur so hat der Hund eine reelle Chance zu verstehen, was wir uns von ihm wünschen.

Unwahr hingegen ist, dass ein guter positiv arbeitender Trainer ausschliesslich diesen Quadranten nutzt. Das wäre nicht nur unrealistisch, das positive Training würde auch um viele Möglichkeiten ärmer.

Denn wie sonst soll eine Gegenkonditionierung funktionieren, wenn nicht über die negative Verstärkung – sofern diese dosiert und gut begleitet eingesetzt wird. Selbst an der negativen Strafe, kommt keiner ganz vorbei. Sei es unbewusst, weil er im Alltag ein tolles Verhalten, welches der Hund gerade lernt, übersieht oder bewusst, weil eine solala Ausführung nur lobt und nicht auch noch durch eine tolle Belohnung verstärkt.

Was sich im positiven Training aber nicht finden wird, sind Strafen und Korrekturen oder bewusst herbei geführtes Fehlverhalten, für das der Hund dann korrigiert wird.

Aber natürlich wird im Notfall auch nach dem Hund gegriffen, die Leine straff genommen oder der Weg versperrt, wenn dadurch Schlimmeres verhindert werden kann. Das ist jedoch weder Training und schon gar nicht der Normalfall. Dazu kann dieses ebenfalls zusätzlich positiv aufgebaut und damit mit guten Gefühlen verbunden werden.

ZITAT: und bei jedem Verhalten soll ein Moment sein, den man verstärken kann, um das Verhalten modifizieren und kontrollieren zu können.

Absolut richtig. Denn jeder Hund zeigt tagtäglich 1000 erwünschte Verhalten, die wir leider allzu oft als Selbstverständlichkeit nehmen. Und genau hier setzt das positive Training an: Es verstärkt die guten Verhalten, die vor dem „unerwünschten“ da sind und dies unter steigendem Ablenkungs- und Schwierigkeitsgrad.

Und ja, das hört sich erst einmal aufwändig an. Aber sobald dem Hundehalter das positive Training in Fleisch und Blut übergegangen ist, kann er gar nicht mehr anders. Und es macht erst noch Freude so mit seinem Hund zusammen zu sein und sich auf das Gute zu fokussieren.

Und sollte es doch einmal zu unerwünschtem Verhalten kommen, wird der Hund mit Signalen in seinem Verhalten unterbrochen, die mit positiven Verstärkern aufgebaut wurden. Mehr dazu im Artikel „Abbruchsignale – unerwünscht

ZITAT: Wer will schon mit dem geliebten Familienmitglied schimpfen?

Abgesehen, dass Schimpfen keinem gut tut, was genau soll das Schimpfen beim Hund bewirken? Hat er damit wirklich verstanden, dass er die Ursache für das Schimpfen ist und auch weshalb? Oder zieht er sich nicht eher auf die Decke zurück, um die negative Konsequenz zu vermeiden, welche auf das Schimpfen folgt?

Und wer hat noch nie erlebt, dass sein Hund weggeht oder zumindest eigenartig reagiert, wenn wir mit jemand Anderem streiten? Auch hier spürt und reagiert dieser auf die angespannte Stimmung, ohne dass diese ihm gilt. Siehe auch diesen Artikel dazu „Der weiss genau, was er getan hat

ZITAT: …ein Totschlag-Argument, denn die Wissenschaft hat doch immer Recht. Wenn man etwas von wissenschaftlichen Arbeiten weiß, gilt dieses Argument dagegen nicht mehr.

Das ist richtig. Deshalb ist einem guten Wissenschaftler auch bewusst, dass das, was er heute weiss, durch neue Forschungsergebnisse und Techniken erweitert oder revidiert werden könnte.

Das erleben wir ja auch bei der Verhaltensforschung an unseren Hunden immer wieder. Denn noch nie wurde so umfassend und an vielen Orten das Verhalten der Hund untersucht wie heute. Und so lernen wir täglich mehr über ihn und wie ähnlich er uns in vielen Dingen ist.

Selbst grosse Namen in der Verhaltensforschung haben immer wieder ihre früheren Erkenntnissen revidiert. Jedoch hat bis heute noch niemand die vier Quadranten und die daraus resultierenden Emotionen widerlegt. Denn egal ob im Training oder im sozialen Miteinander, positive und negative Konsequenzen beeinflussen unser Verhalten und unsere Emotionen und führen zu stabilen oder ambivalenten Bindungen. Dabei spielt es erst einmal keine Rolle, ob die Konsequenzen von aussen, von uns oder intrinsisch auftreten.

Auch der im Artikel erwähnte Udo Gansloßer negiert die Lerntheorie nicht. Und gerade bei ihm habe ich in unzähligen Stunden gelernt, Verhalten zu beobachten und nicht zu interpretieren. Um dann aus den gemachten Beobachtungen Rückschlüsse zu ziehen, diese zu überprüfen und ggf. zu revidieren.

ZITAT: Meide- und Stressverhalten wird in der modernen Hundeerziehung nicht mehr gerne gesehen….Somit soll er auch bloß nie in die Bedrängnis kommen zu „beschwichtigen“.

Auch wenn dabei neben den eigentlichen Konflikt- und Stresssignalen auch diverse Beschwichtungssignale zu sehen sind, so treten letztere ja nicht nur dort in Erscheinung sondern auch innerhalb vieler anderer Funktionskreise. Denn sie zeigen ja nicht nur negative Befindlichkeiten sondern sind ebenso oft in der Kommunikation in einem sozio-positiven Kontakt und in freundlichen Begegnungssituationen zu sehen.

Aus diesem Grund sind Beschwichtungssignale oder besser gesagt Calming Signals auch ein wichtiger Bestandteil im positiven Training. Sie sagen uns nicht nur, wie sich der Hunde gerade fühlt, sondern auch ob er in einer Begegnung unsere Unterstützung braucht oder es alleine schafft.

Und vor allem achtet der positiv arbeitende Hundehalter darauf, im Training möglichst keine Stress- und Meideverhalten aufkommen zu lassen, da sich diese Emotionen später im Alltag rächen. Tauchen sie hingegen im Alltag auf, weiss er dadurch, dass der Hund nächstens an seine Grenzen kommt. Und gerade in Begegnungssituationen unterstützen und verstärkt er bewusst alle Signale, die der Deeskalation und Selbstberuhigung dienen.

ZITAT: Bloch, der bei seiner Studie an verwilderten Haushunden gut zeigen konnte, dass so manches „Beschwichtigungssignal“ in den meisten Fällen einfach eine normale Geste ist

Nicht umsonst heisst es «Trau nur einer Statistik, die du selbst gefälscht hast». Denn Günther Bloch, bzw. die Frau, die die Studie erstellt hat, hat ihre Beobachtung in einem fest umrissenen Gebiet, mit bekannten Gefahren und mit sich bekannten Hunden gemacht.

Zudem hat Turid Rugaas von Beginn an unter den Calming Signals nicht nur die Beschwichtigungssignale, sondern auch immer die Beruhigungssignale und Übersprungshandlungen, wie zum Beispiel das Gähnen, verstanden. Leider wurde es im Deutschen dann vereinfacht mit „Beschwichtungssignale“ übersetzt.

Auch hat sie nie behauptet, dass diese Signale nur in diesen Zusammenhängen zu sehen sind. Denn selbstverständlich schnüffelt ein Hund auch einfach am Boden, weil es da gut riecht oder er gähnt, weil er müde ist. In der direkten Kommunikation sind es aber meist Gesten und Signale an das Gegenüber.

Über diesen Punkt habe ich an einem Seminar auch mit Günther Bloch diskutiert als die Studie frisch erschienen ist. Denn wer hat noch nie einen Hund gesehen, der innerhalb einer stressigen Situation gähnt ohne dass er müde ist. Und auch andere TN haben berichtet, dass ihre Hunde auf dem Spazi Beschwichtigungsgesten zeigten, obwohl kein anderer Hund in der Nähe war. Es zeigte sich später, dass dort vorher ein anderer Hund durchgegangen war. Und so wissen wir zwar nicht immer, weshalb ein Hund Calming Signals zeigt, aber wir sehen dadurch, dass den Hund etwas beschäftigt.

Günther Blochs Antwort am Ende der Diskussion war übrigens: Wenn mehrere Hundehalter das gleiche beobachten, ist es erst eine Anekdote, die dann später oft von der Wissenschaft bestätigt wird.

Dazu und zur folgenden Studie verlinke ich auch gerne diese Sendung von Mai Thi Nguyen-Kim „MaiThink X – Was ist Wissenschaft, was kann sie, was kann sie nicht?

ZITAT: Oder man denke an die Studie, bei der man heraus gefunden hat, dass ein Hund, der über Teletak und Stachelhalsband ein Abbruchsignal lernt, weniger Stress hat, als ein Hund der es nur positiv aufgebaut bekommen hat.

Und wenn man sich diese Studie ganz genau durchliest, erkennt man auch, welche Fehler dabei gemacht wurden.

Zum einen wurden die einzelnen Techniken nicht gleich angewandt. Während beim Marker und Stachelhalsband der Hundeführer das Signal gaben, war es beim Teletak ein Trainer, der den Stromreiz auslöste. Zudem kannten alle Hunde das Stachelhalsband und den Teletak aus ihrer Ausbildungen.

Da kann kein Trainer, der den Aufbau von Abbruchsignalen mit positiven Verstärkern und negativen Strafen selber erst kennenlernt und vielleicht selbst nicht wirklich davon überzeugt ist, dieses in der kurzen Zeit so gut mit seinem Hund aufbauen und einsetzen, wie ein mit dem Ansatz vertrauter Trainer.

Zudem zeigen diverse Studien, wie viel effektiver und stressfreier ein belohnungsbasiertes Training ist wie zum Beispiel diese hier: https://www.companionanimalpsychology.com/2021/08/why-you-need-to-reward-your-dog-in.html

ZITAT: Fakt ist jedoch, dass Hunde es verstehen wenn wir sie anknurren, anstarren, uns groß machen oder mit dem Körper blocken. Hunde verhundlichen ihren Menschen permanent. 

Selbstverständlich verstehen sie dies. Aber: Wie würden wir reagieren, wenn unsere Hunde sich uns oder einem andern Lebewesen gegenüber regelmässig so verhalten würden? Fänden wir es dann auch in Ordnung oder fänden wir nicht, er könnte es auch anders lösen? Was ja durchaus legitim ist, denn diese Art der Auseinandersetzung bedeutet auch immer Stress für alle Beteiligten und das Risiko, dass sich das Gegenüber wehrt.

Hinzukommt, dass der Hund diese groben Signale viel seltener aussendet als all die feinen, die eine grobe Auseinandersetzung verhindern sollen. Und das können wir doch auch tun. Zwar nicht durch Körper und Mimik dafür mit unserer Sprache.

Denn wir können damit Signale aufbauen (konditionieren) mit denen wir mit unseren Hunden in unserer Sprache kommunizieren, statt die Keule herauszuholen und körpersprachlich zu drohen. Und dabei erst noch erwarten, dass der Hund uns trotz unserer ungenauen „Aussprache“ versteht und auf keinen Fall zurück droht.


ZITAT: Die Praxis der Hundehaltung

Dieser Abschnitt ist einfach nur eine Zusammenfassung von Trainings-Ausschnitten. Wer, der solches schreibt, hat wirklich schon mal länger guten Trainern über die Schulter geschaut oder deren Seminare besucht und das dort Gesehene reflektiert.

Ich habe es gemacht und war sowohl bei positiv arbeitenden als auch anders arbeitenden Trainern, die ihr Handwerkszeug verstehen. Und ich habe gesehen, dass die Meisten sehr ähnliche Ziele verfolgen, sich aber der Weg dorthin deutlich unterscheidet. Da liegt es an jedem Hundehalter sich zu entscheiden, welchen Weg er wählt, um mit seinem Hund zusammenzuleben und mit ihm zu arbeiten – den Weg mit ODER ohne Korrekturen und Strafen.

ZITAT: Jegliche Eingriffe beim Hund werden angekündigt. Ob es nun ein Richtungswechsel ist, ein Anleinen, ein Hochheben, ein Festhalten und so weiter.

Wie es auch für mich angenehmer ist, wenn mir Jemand sagt, dass wir gleich abbiegen werden, statt in mich reinzulaufen, wenn ich nicht aufpasse, empfinden es auch unsere Hunde. Weshalb soll ich dann diese Höflichkeitsgeste nicht auch meinem Hund gegenüber zeigen? Ich selbst mag es auch nicht, wenn mich einfach Jemand ohne Ankündigung anfasst, um etwas an mir zu entfernen. Und das gestehe ich auch meinen Hunden zu.

ZITAT: Schon ein lautes „Nein“ ist verpönt, da man dann mit Schreckreizen arbeitet und der Hund nur aus Angst vor Strafe hört

Hier ist doch die Frage, wie wurde das «Nein» konditioniert. Folgte bei der Konditionierung etwas Negatives auf das „Nein“, dann funktioniert es tatsächlich so, dass der Hund dieses Negative vermeiden möchte.

Wurde es jedoch als Signal mit positiven Verstärkern aufgebaut, dann befolgt der Hund das „Nein“ aufgrund der guten Gefühle, die er damit verbindet. Gerne zeige ich dir in „Das ominöse „Nein“ zum Zweiten“ wie das dann im Alltag aussieht.

ZITAT: Sobald der Hund etwas Besseres findet als die Hühnerherzen beim Menschen, wird er sich dem zuwenden. Hasen jagen ist für die meisten Jagdhunde einfach besser als das Futter beim Menschen.

Selbstverständlich wird es «Versager» geben und zwar sowohl im positiven als auch im Training mit Korrekturen. Denn es wird immer Reize/Versuchungen geben, die stärker sind, als jede noch so positive oder negative Konsequenz von uns.

ZITAT: Ab dem Punkt, wo der Hund einen Interessenkonflikt hat, steht man machtlos da.

Das kann, muss aber nicht so sein. Zudem wird auch eine Strafe diesen Hund nicht davon abhalten, irgendwann dem Hasen nachzugehen. Ausser die negative Konsequenz war in der Vergangenheit so hart, dass der Hund aus Angst vor der Konsequenz viele Verhalten einstellt.

ZITAT: Und wenn sie es tun, haben sie ja auch keine negativen Konsequenzen zu erwarten. WARUM sollte der Hund also NICHT seinen Interessen nachgehen?

Weshalb soll ein Hund für etwas bestraft werden, dass seinen normalen hündischen Bedürfnissen entspricht, aber nicht unsere Erwartungen erfüllt – Hase jagen versus Hase nicht jagen?

Zumal es doch tolle Schleppleinen gibt, die das Jagen verhindern, sollte das Training (noch) nicht in der spezifischen Situation greifen.

ZITAT: Da verwundert es ebenfalls nicht, dass man nur selten mal das fertige Resultat sieht bei Hunden die Problemverhalten zeigen und so „umgepolt“ werden

Da stellt sich die Frage, weshalb die Autorin diese Ergebnisse nur so selten zu sehen bekam? Denn Beispiele für diese Resultate gibt es zu Genüge.

ZITAT: Permanent machen Hunde uns soziale Angebote. Was spricht dagegen, diese Angebote auch sozial zu beantworten?

Aufgrund der fehlenden Definition zu den sozialen Angeboten, kann ich nur vermuten was die Autorin damit meint.

Sind bei diesen Angeboten sozio-positive Kontaktaufnahmen wie ein Lächeln oder feine Berührung gemeint, dann finden sich unzählige bei den positiv arbeitenden Hundehaltern. Und selbstverständlich werden auch andere soziale Angebote wie Spielaufforderungen oder Kuschelangebote positiv beantwortet.

Aber natürlich beantworten wir ein Knurren nicht mit einem Knurren oder ein aggressives Verhalten mit noch einem aggressiveren Verhalten.

ZITAT: Warum sollte man an dieser Stelle mit der Konditionierung anfangen und somit Kommunikation in seiner ursprünglichen Form behindern?

Keine Ahnung zu welcher Situation diese Aussage passen soll. Könnte es sein, dass die Autorin Training und Unterstützung im Konflikt mit dem alltäglichen Leben gleichsetzt? Denn selbstverständlich besteht das Leben eines positiven Hundehalters mit seinem Hund nicht nur aus Ausbildung und erst recht nicht nur aus Konditionierung.

ZITAT: Sie leben permanent in einer Grauzone, ohne zu wissen was nun gewollt ist und was nicht

Diese Aussage ist genau so wenig nachvollziehbar wie die davor. Positives Training lässt den Hund nicht im Regen stehen. Im Gegenteil, es zeigt dem Hund, was er tun soll und was er darf.

Gerade das chinesische Experiment ist ein super Beispiel dafür. Als erstes muss ja auch der Besucher die Regeln und die Verhaltensweisen in diesem für ihn fremden Land lernen. Da ist er froh um Jemanden, der ihm alles so zeigt, so dass er möglichst nicht aneckt. Und so dass er weiss, was er tun kann bzw. muss und nicht einfach reglementiert wird, wenn er etwas falsch macht.

Der chinesische Führer würde den Besucher also nicht einfach böse anschauen, wenn dieser ihm die Hand reicht und ihn anschliessend selber herausfinden lassen, wie er es richtig machen kann. Vielmehr würde er ihm vorzeigen, wie er sich richtig verhalten kann.


ZITAT: Gegen Unsicherheit und Stresssymptome wird natürlich ebenfalls wieder alles „schön geclickert“ ohne zu sehen, dass der Hund einfach nur eine eindeutige Linie bräuchte, an der er sich orientieren kann.

Klare Linien und Leitplanken können tatsächlich helfen. Erst recht, wenn diese dem Hund so gezeigt werden, dass er die Linien versteht und wenn sie nicht willkürlich und ständig wechselnd gesetzt werden.

Aber es kann auch sein, dass damit das Ausleben von Bedürfnissen und Verhalten verhindert wird, die dem Hund wichtig sind. Manche Hunde können sich damit durchaus arrangieren und sich vielleicht mit der Zeit sogar wohl fühlen. Erst recht, wenn dies mit positiven Konsequenzen hinter der Linie aufgebaut wurde.

Was aber ist mit all den Anderen, die sich deswegen laufend im Konflikt zwischen ihren eigenen Bedürfnissen und der Angst vor den Konsequenzen befinden? Unbesehen davon, ob sie die positiven Konsequenzen verlieren oder mit negativen Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie diese überschreiten.

Und ja, weshalb soll dem Hund nicht mit den tollen Trainingstechniken aus der positiven Werkzeugkiste geholfen werden, positive Emotionen statt Stress und Unsicherheit zu erleben?

ZITAT: Es wird behauptet, alles könnte man positiv gestalten. Was aber tun, wenn der Hund sich aggressiv zeigt?

Was genau ist mit „alles“ gemeint? Richtig ist sicherlich, dass das Training so gestaltet wird, dass sich Hund und Mensch wohl fühlen.

Hingegen gehört ein gewisses Mass an Aggression zu jedem Leben. Erst wenn ein aggressive Verhalten immer wieder übertrieben oder unbegründet auftritt, schadet es sowohl dem, der es ausführt, als auch dem Empfänger und es muss gehandelt werden.

Aber auch dann wird der positiv arbeitende Hundehalter auf die Aggression nicht mit noch mehr Aggression reagieren. Vielmehr zeigt er seinem Hund im Training bessere Lösungsstrategien auf, die dem Hund nicht nur helfen aus dem Aggressionskreislauf zu kommen sondern langfristig gar nicht mehr entstehen lassen.

Selbst ein Splitten/Blockieren kann ohne Drohen oder Fixieren aufgebaut werden. So dass der Hund weder Meide- noch Stressverhalten zeigen muss, sondern sein Verhalten gerne stoppt und seinem Menschen folgt.

ZITAT: Wer sagt, dass der Hund Aggressionen wirklich als negativ erlebt? 

Wenn ein Hund immer wieder in Situationen kommt, in denen er sich verteidigen oder sonst ein aggressives Verhalten zeigen muss, wird er vielleicht eines Tages nach dem Motto leben „Angriff ist die beste Verteidigung“. Erst recht, wenn er dabei öfters als vermeintlicher Sieger aus der Auseinandersetzung herausgeht. Was dann tatsächlich so aussieht, als ob er es gerne macht, aber selten den Tatsachen entspricht.

Ausserdem haben Studien unter anderem an Affen gezeigt, dass gewonnene Auseinandersetzungen zu einer Erhöhung des Testosteron-Spiegels führt und der Affe diese deshalb immer wieder sucht. Darauf ebenfalls mit Aggression zu reagieren, wird wenig zielführend sein.

Die restlichen Punkte lasse ich einfach mal so stehen. Nur so viel: nicht jeder unsichere Hund hat auch einen unsicheren Hundehalter.

ZITAT: Kontrolle als Gefahr der Persönlichkeitsentwicklung: Hunde lernen Hilflosigkeit

Diese Argumentation finde ich spannend. Denn gerade das gute positive Training zeigt dem Hund Wege zur eigenständigen Problemlösung.

Dabei hilft der kontrollierte Trainings-Aufbau, dass der Hund immer nur soweit mit Auslösern und Reizen konfrontiert wird, wie er noch bewältigen kann und somit Lösungsstrategien entwickeln kann. Dieses selbstwirksame Lernen führt dazu, dass er sich nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen lässt, selbst wenn mal etwas Aussergewöhnliches passiert,

Beim Training über Korrekturen und Strafen hingegen geht erst einmal ganz viel Kontrolle vom Besitzer aus, die dem Hund wenig Freiheiten zum Ausprobieren gibt.

ZITAT: Eine Auseinandersetzung des Hundes mit einer für ihn unangenehmen Situation wird auch gar nicht gewünscht

Aber natürlich ist dies gewünscht. Denn es sollen ja keine Scheuklappen-Hunde ausgebildet werden, sondern Hunde, die auch für schwierige Situationen gute Problemlösungen gelernt haben.

ZITAT: Was ist genau Gewalt? Wenn schon ein Leinenimpuls Gewalt ist, muss ich ein gewalttätiger Mensch sein.

Nein, der Leinenimpuls an sich wird sicherlich bei den wenigsten Hunden als gewalttätige Handlung ankommen. Aber nicht genau zu wissen, wann der nächste kommt, kann beim Hund zur Verunsicherung führen. Auch vom Menschen weiss man, dass unerwartet und unangekündigt auftretendes Negatives eine grosse psychische Belastung darstellt.

ZITAT: Das mag durchaus so sein, aber andere Wege sind auch gewaltfrei. Gewalt ist nicht eine Strafe

Das ist richtig. Aber umgekehrt kann ein Schuh daraus werden. Und zwar dann, wenn die Strafe vom Bestraften als physische oder psychische Gewalt wahrgenommen wird. Und dies geschieht umso mehr, je inkonsequenter die Regeln des Strafens beachtet werden.

Ausserdem, wie soll der Hund verstehen, wofür er bestraft wird, wenn er sich keines Unrechts bewusst ist? Dazu müsste er ja erst lernen, was in unseren Augen richtig ist. Aber wozu braucht es dann noch eine Strafe? Reicht da nicht eine Erinnerung durch ein bekanntes Signal?

Und deshalb ist der positive Weg nicht einfach nur ein gewaltfreier Weg sondern einer, der bewusst auf Strafen und Korrekturen verzichtet (im Sinne des 4. Lernquadranten P+). Das hat weder etwas mit Wattebauschwerfen, Gutmenschen oder grenzenlosem Training zu tun.

Und ja, es ist richtig. Auch ein positiv arbeitender Hundehalter oder sein Hund haben mal einen schlechten Tag und es läuft nicht alles rund. Aber in solchem Momenten wird auch nicht trainiert, sondern Management betrieben wo es nötig ist und den Rest ruhen gelassen. Denn auch so kann auf Strafen verzichtet werden.

ZITAT: Eine offene Gesprächskultur als Grundbedingung

Da bin ich ganz bei der Autorin. Mit verhärteten Ansichten und Vorurteilen in eine Diskussion zu gehen bringt nichts. Nur wie schade ist es dann, im gleichen Abschnitt mit abwertenden Titulierungen zu einer offenen Gesprächskultur aufzurufen.

Es bringt aber genauso wenig, in das Gespräch mit der Idee einzusteigen, den positiv arbeitenden Trainer davon zu überzeugen, dass es bei manchem Hund ohne Korrektur nicht geht. Denn dass es anders geht, zeigen unzählig positiv arbeitende Trainer und Hundehalter.

Schade finde ich es auch, wenn man sich in Diskussionen gegen das Wort Strafe oder Gewalt verwehrt und kurz darauf wieder genau jene Beispiele bringt, bei denen doch mit Korrekturen und Blocken gearbeitet wird – weil es eben doch Hunde gibt…

Daher, schau dir die Arbeit von positiv arbeitenden Trainern nicht nur anhand von Trainingsvideos an, sondern geh mit diesen in den Alltag und begleite sie in ihrem Training. Und du wirst sehen, wie erfolgreich dieses Training auch bei Hunden mit grösseren Themen ist.


Es hätte noch diverse Textstellen gegeben, die ich hätte zitieren mögen. Aber dann wäre dieser Artikel nie fertig geworden 🙂

Kein positiv arbeitende Hundehalter behauptet, dass ein Training mit Strafen und Korrekturen nicht funktioniert. Sie sind aber nicht bereit, diese bei irgendeinem Lebewesen bewusst anzuwenden und schon gar nicht bei einem, für das sie verantwortlich sind. Denn sie wissen, dass es auch anders geht.

Weitere Links zu diesem Thema:


© 2021 Monika Oberli, Teamschule.ch

2 Gedanken zu “Von Wattebauschwerfern und Gewalt(anwendern)

    • Ja, es geht um diese Studie in der ein Abbruchsignal konditioniert wurde.

      Ich hatte in Erinnerung, dass ich damals auch irgendwas zum Marker/Clicker gelesen habe. Aber ich habe mir nun nicht noch einmal das Literaturverzeichnis angeschaut. Deshalb habe ich das Wort „Clickertraining“ in diesem Abschnitt nun ersetzt.

      Aber es stand nirgends, dass dieses Abbruchsignal rein nur positiv aufgebaut worden sein soll. Jedoch gehört zu einer Arbeit mit negativen Strafen auch immer, dass man dem Hund gleichzeitig mit positiven Verstärkern zeigt, was denn erwünscht ist. Sonst kann die negative Strafe gar nicht richtig funktionieren und es kommt zu einer höheren Stressreaktion.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s